Die Mobilität von morgen – daran arbeiten Markus Stöckner, Thomas Schlegel und Christoph Hupfer (v.l.).
Die Mobilität von morgen – daran arbeiten Markus Stöckner, Thomas Schlegel und Christoph Hupfer (v.l.).
Bild: Tobias Schwerdt
Mission Mobilitätswende: Der Verkehr der Zukunft kommt aus Karlsruhe
Karlsruhe
13.01.2021 05:59
Die Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft hat "Zuwachs" bekommen: "Baden-Württemberg Institut für Nachhaltige Mobilität" (BWIM) heißt die landesweit einzigartige Forschungs-Einrichtung, die sich seit Ende Oktober vergangenen Jahres in Karlsruhe befindet. Die Aufgabe des Instituts: Umweltfreundliche Verkehrskonzepte für die Zukunft entwickeln. Welche Projekte das sind: ka-news.de hat mit den Instituts-Experten gesprochen.

Die übergeordneten Ziele des Instituts: Die CO2-Emissionen in den Städten reduzieren, neue Anreize zur Mobilitätswende schaffen und somit die Lebensqualität der Bürger erhalten und weiter verbessern.

"Mobilität als Gesamtsystem verstehen"

Angefangen habe alles vor zirka zwei Jahren, erklären Institutsleiter Christoph Hupfer, Markus Stöckner, Vorstand für Verkehrsanlagen, und Thomas Schlegel, Vorstand für Mobilitätssysteme, die Idee, die hinter dem BWIM steckt: Weil die Themen Nachhaltigkeit und Mobilität in der Forschung immer mehr an Bedeutung gewinnen, sehen die drei Professoren dringenden Handlungsbedarf – allerdings nicht etwa für das Automobil.

Das BWIM gehört zur Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft. Bild: Tobias Schwerdt

Die "fast vergessenen Bereiche" wie der Rad- und Fußgängerverkehr, aber auch der ÖPNV, sollen für den Bürger attraktiver werden. Doch für die Experten der Hochschule Karlsruhe hört Mobilität nicht schon beim Wechsel von Auto auf Fahrrad auf: "Mobilität bedeutet, Aktivitäten umzusetzen", sagt Markus Stöckner. "Alleine schon wenn ich aus dem Haus gehe, ist Mobilität im Spiel. Deswegen muss diese als Gesamtsystem verstanden werden, um dementsprechende Lösungsmöglichkeiten zu finden."

Ziel: Hochschulen landesweit interdisziplinär verknüpfen

Aus diesem Grund möchte sich das Institut auch nicht auf Karlsruhe beschränken, sondern Professuren und Hochschulen in ganz Baden-Württemberg miteinander vernetzen - mit sich selbst als zentralem Nukleus. So sollen neben Bauingenieuren und Verkehrsentwicklern auch Experten aus den Bereichen der Wirtschaft, Psychologie oder sogar der Musikwissenschaft mit einbezogen werden, um etwa Methoden wie Eye-Tracking, Sensorik und musikalisch unterlegte Ampelschaltungen einzuarbeiten.

"Wir müssen weg von dem Gedanken, dass eine Person vorangeht und uns sagt, wie wir die Verkehrswende umsetzen sollen. Wir müssen auch andere Qualitäten ermöglichen und neue Dinge ausprobieren", erklärt Institutsleiter Christoph Hupfer im Gespräch mit ka-news.de. Nur so seien interdisziplinäre Ideen möglich, die Innovatives hervorbringen können.

Verbesserung im Fußgängerverkehr durch Bürgerbeteiligung

Ein Beispiel für die Arbeit des Instituts ist das Forschungsprojekt "GO Karlsruhe", welches zur Verbesserung des Fußgänger-Verkehrs beitragen soll. Ursprünglich war das Projekt für den Wettbewerb "Reallabor Stadt" entwickelt worden, der vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ausgeschrieben worden war.

Hierzu hatte das Institut für Ubiquitäre Mobilität (IUMS) eigens eine App entwickelt, die das Verhalten der Fußgänger in den Fokus nimmt. So entstand "GO Karlsruhe" als ein sogenanntes Reallabor für den Fußgänger-Verkehr. Reallabore sind hierbei als eine Art Experiment im realen Raum zu verstehen. Sie zielen in Kooperation mit Bürgern, Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen auf die Verbesserung der Stadtentwicklung und Infrastruktur ab.

Markus Stöckner, Christoph Hupfer und Thomas Schlegel (v.l.). Bild: Tobias Schwerdt

"Die App analysiert zusammen mit den Fußgängern Probleme aus der Umgebung wie Gehwege, Haltestellen, Kreuzungen und Ampeln, wozu dann nachhaltige Lösungen entwickelt und umgesetzt werden sollen", erklärt Hupfer. Auch die Studenten werden für die Erforschung des Nutzerverhaltens schon früh an die Praxis herangeführt. Besonders zu Zeiten von Corona ist da Einfallsreichtum gefragt: "Um weiter das Verkehrsverhalten zu untersuchen, haben Studenten zum Beispiel Handy-Aufnahmen zu Hause aus dem Fenster angefertigt und analysiert", erzählen die Professoren im Gespräch mit ka-news.de.

"Companion-App" soll das Reisen vereinfachen

Zuletzt arbeiteten die Experten und das Institut an der Konzeption einer sogenannten "Companion Technologie" namens "Smart MMI" mit - eine intelligente Technologie, die Menschen in einer Stadt begleiten soll, in der sie sich nicht auskennen. Die modell- und kontextbasierte Mobilitätsinformation - kurz MMI - soll dabei als App und als "speziell entwickelte, intelligente Display-Scheiben" umgesetzt werden, die in Bussen, Bahnen und an Haltestellen eingebaut werden können.

Die sollen dabei aber nicht nur das bloße Abrufen von Fahrplänen möglich machen. "Die App soll mir nicht nur anzeigen, welche Bahn ich am besten nehme. Sie soll auch zeigen, wo ich zum Beispiel einen guten Kaffee trinken kann oder ob es nicht von Vorteil wäre, zwei Stationen vorher auszusteigen und mit einem dort geparkten Nextbike weiterzufahren", erklärt Christoph Hupfer.

Das BWIM forscht aktuell an einer Art intelligentem Reisebegleiter. Bild: Tobias Schwerdt

Der Vorteil: Der Verkehr kann auf nachhaltige und gesündere Fortbewegungsmittel umgelenkt und der Fahrgast situationsgerecht informiert werden. Dadurch wiederum sollen beispielsweise CO2-Gebühren eingespart und organisatorische Strukturen vereinfacht werden können. Ist das Projekt abgeschlossen, soll das "smarte Bahnfenster" künftig in die Karlsruher Multifunktions-App digital@KA mit einfließen.

Und wie geht es danach weiter mit dem noch jungen BWIM? Konkrete Pläne für weitere Projekte gebe es laut den drei Mobilitäts-Experten aktuell noch nicht, man lasse sich überraschen, in welche Richtung es gehen wird. Sicher aber ist: Auch in Zukunft wird das Institut für Nachhaltige Mobilität innovative Lösungen für den Verkehr von morgen suchen, denn: Die Karlsruher Forschungsarbeit wird vom Verkehrsministerium für 18 Monate mit 650.000 Euro gefördert - und weitere Sponsorenanfragen sollen bereits vorliegen.

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