Die Kaiserstraße beim Stadtfest 2019.
Bild: Carmele / TMC-Fotografie
Citymarketing in Corona-Zeiten: Wie hält man eine Gesellschaft zusammen, die auf Abstand bleiben soll?
Karlsruhe
11.05.2020 07:00
Geschlossene Geschäfte und Bars, abgesagte Veranstaltungen und keine Touristen: Nach wochenlangem Stillstand nimmt das öffentliche Leben in Karlsruhe in diesen Tagen wieder Fahrt auf. Wie erhält man ein gemeinschaftliches Stadtgefühl in Zeiten der Isolation und wie kann Stadtmarketing auf Sicht funktionieren? Wie funktioniert Event-Planung in hoch dynamischen Zeiten, in denen sich eigentlich nichts planen lässt?

Großveranstaltungen sind bis mindestens bis zum 31. August tabu - in Karlsruhe traf dies Events wie Das Fest im Juli, die Schlosslichtspiele im August oder den verkaufsoffenen Sonntag mit dem angegliederten "Fest der Sinne" im April. Sie liegen in der Verantwortung der Karlsruhe Marketing und Event (KME) GmbH. 

Wie hält man eine Gesellschaft zusammen, die auf Abstand bleiben soll?

Städtische Veranstaltungen sind  Leuchtturm-Events für die Stadtgesellschaft, aber auch für den Tourismus und wichtige Bausteine für die Stadtidentität. Wie hält man eine Gesellschaft zusammen, die eigentlich auf Abstand bleiben soll?

Impressionen vom Stadtfest 2019. Bild: Sascha Kemper

Vor allem mit vielen Telefonaten, Videokonferenzen und kreativen Ideen: "So viele Videoschalten wie in den Zeiten von Corona hat es bei uns früher nicht gegeben", sagt KME-Geschäftsführer Martin Wacker im Gespräch  mit ka-news.de - ebenfalls in einer Videokonferenz. Die virtuellen Räume sorgten für eine schnellere Dynamik im Arbeitsablauf - "da hat Corona auch seine Vorteile." Nichts sei derzeit so wie es war, aber vieles werde man auch wieder zurückbekommen, ist sich Wacker sicher.

Chance für Schlosslichtspiele im Herbst oder Winter

Beispielsweise schreibt er die Schlosslichtspiele als Live-Event noch nicht komplett ab: "So wie wir die Entwicklung und Stimmung in diesen Tagen erleben, glaube ich, dass die Schlosslichtspiele ein Format sind, bei welchem man im Herbst oder Winter einen Anlauf starten könnte, sie als Grundinstallation am Schloss durchzuführen. Ich sehe da noch eine Chance." Aktuell sind die Schlosslichtspiele als reines Online-Event geplant.

"Wir glauben an die Vernunft der Leute", so der KME-Chef, "es hat in den vergangenen Wochen einen Lernprozess gegeben. Die Leute haben jetzt glaube ich verstanden, dass sie Abstand halten müssen - dazu braucht es keine 3.000 Bodenmarkierungen."

Hoffnung auf Stadtfest im Herbst - "sind flexibel"

Hoffnung gibt es auch für das Stadtfest im Herbst: Es ist für den 10. und 11. Oktober angesetzt - und derzeit noch nicht abgesagt. "Wir möchten das auf jeden Fall sehr gerne durchführen und stellen uns auf mögliche Variationen ein", sagt Organisator Dennis Fischer. Er ist bei der KME für das Citymarketing im Innenstadtbereich zuständig und arbeitet eng mit der Wirtschaftsorganisation City Initiative (CIK) Karlsruhe, zusammen.

Aus dem Archiv: Corina Bohner im Gespräch mit Dennis Fischer. Bild: Sophia Wagner

"Aufgrund der sich ständig ändernden Baustellensituation arbeiten wir bereits seit zehn Jahren in der Innenstadt in einer ultraflexiblen Umgebung", sagt Fischer über die Herausforderung in Corona-Zeiten schnell auf neue Regeln und Vorschriften reagieren zu müssen. Vom Programm sei das Stadtfest sowie eher dezentral organisiert, mit vielen kleinen Künstler-Spots in der Innenstadt - das Konzept könnte man in Bezug auf Abstandsregeln anpassen, so die Organisatoren.

Drehorgelspieler Markus Leyerle bei Stadtfest 2019. Bild: Carmele / TMC-Fotografie

Relativ viel Vorlaufzeit benötige die Außenwerbung, so Fischer, ansonsten sei man in der Lage, recht kurzfristig ein Stadtfest mit verkaufsoffenem Sonntag auf die Beine zu stellen. Fest steht nur: Einen verkaufsoffenen Sonntag gibt es nur mit einer Rahmenveranstaltung - so wird es im entsprechenden Genehmigungsverfahren gefordert. "Der Wegfall einer Veranstaltung wie des Stadtfests bedeutet auch der Wegfall des verkaufsoffenen Sonntags", sagt Fischer. 

Düsterer Ausblick für Eventbranche

Ansonsten sieht es für die Eventbranche 2020 düster aus: "Die Event- und Kulturbranche liegt am Boden", sagt Wacker, "in diesem Bereich wird leider nie von einem Rettungspaket gesprochen." An großen KME-Events wie Das Fest sind rund 8.500 Menschen beteiligt. Viele Freelancer arbeiten an den großen Veranstaltungen mit - "bei aller Kreativität, die uns gerade beflügelt, das sind Menschen, an die wir denken müssen und deren Schicksal uns auch beschäftigt." 

Martin Wacker bei einer Fest-Pressekonferenz 2019. Bild: Paul Needham/Mohawkvisuals

Man befürchtet, dass viele Selbstständige die Corona-Krise ohne Aufträge nicht überstehen werden. "Die Frage, wie schnell wir neue Ideen und Konzepte umsetzen können, um auf die aktuelle Lage zu reagieren, hängt eng mit zwei Problemstellungen zusammen", erklärt KME-Sicherheitsbeauftragter Markus Wiersch.

"Erstens, dass gewisse Dienstleister nicht mehr auf dem Markt sein werden, weil sie die Krise nicht mehr überleben und zweitens, dass der Bedarf an benötigten Produkten und Dienstleistungen so hoch wird, dass sie nicht mehr verfügbar sind."

KME-Konzepte finden beim Zoo und Co. Anwendung

Aktuelle Herausforderungen bei den Planungen sind - wenig überraschend - die Einhaltung und Umsetzung von Hygienevorschriften und Landesauflagen. Das macht insbesondere Markus Wiersch derzeit zu einem gefragten Mann: Er ist bei der KME für Sicherheitsfragen zuständig. "Auf der abstrakten Ebene hat sich nicht viel geändert: Menschen kommen, Menschen verweilen, Menschen gehen wieder - dafür gibt es Konzepte, die wir schon seit Jahren erfolgreich umsetzen", so Wiersch.

Markus Wiersch bei einer Fest-Pressekonferenz 2019. Bild: Paul Needham/Mohawkvisuals

Von dieser Erfahrung profitieren nun andere städtische Ämter: Beim Abfall- und Versorgungsamt, bei Bürgerbüros oder am Karlsruher Zoo war die KME beratend tätig und gibt Hilfestellung für das "Warteschlangenmanagement" und der "Abstandswahrung". Auf der abstrakten Ebene bleibt die Planung überschaubar - "der konkrete Fall wird in den einzelnen Fragestellungen dann aber schnell feingliedrig und komplex in der Planung."

Neue Ideen: Digitale Gastro-Plattform

Neben Unterstützung und Expertise arbeitet die KME auch an neuen Ideen, um in Corona-Zeiten Events für die Stadtgesellschaft umsetzen zu können. Ein erstes Projekt war "smart@home": Eine Plattform, die digitale Angebote aus allen städtischen Bereichen aufzeigt- von der Gastronomie über Handel bis zur Kultur.

Mit kostenlosen Lieferdiensten per Radkurier wurden die lokalen Geschäfte in den Lockdown-Monaten März und April unterstützt. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Karlsruher Tourismus Gesellschaft (KTG) und der City Initiative Karlsruhe verwirklicht. Finanzielle Unterstützung gab es auch von der Wirtschaftsförderung.

Kostenloser Lieferdienst im März und April. Bild: Radkurier Karlsruhe

"Wir hatten hier erste Erfahrungen aus dem Projekt Kalix von vor einigen Jahren", so Fischer, "daher konnten wir das Thema relativ schnell reaktivieren." Die Rückmeldung vonseiten des Handels war positiv: In der Spitze gab es pro Tag 200 bis 250 Bestellungen, die dann per Radkurier an die Haustür geliefert worden sind.

"Die Kunden sind bei der Preisgestaltung sensibel - die Unternehmen müssen für einen Lieferdienst fünf bis zehn Euro einpreisen, das ist für viele Kunden eine Hürde", erklärt Fischer. Finanziert wurde der kostenlose Lieferdienst durch die Wirtschaftsförderung Karlsruhe. 

Gibt es auch positive Effekte aus der Corona-Krise?

Weitere Überlegungen bei der KME sind Online-Events wie die Schlosslichtspiele mit Essens- oder Getränkepaketen auszustatten. Genießerpakete für das Erlebnis zuhause - ganz nach der Idee des Pfälzer Online-Weinfestes. Ob und wie das umgesetzt wird, ist noch vollkommen offen. 

Die Genuss-Kisten für das Online-Weinfest in der Pfalz werden von Mitarbeitern verpackt. Bild: ps/Südliche Weinstraße

Was bleibt aus der Corona-Krise in Bezug auf das Citymarketing? "Dass sich Menschen mehr in digitale Formate eindenken und einarbeiten müssen", sagt Wacker, "gerade im Handel wurde gemerkt, wie wichtig die digitale Erreichbarkeit ist."

Dieses Thema will man auch weiterhin begleiten - in Zusammenarbeit mit der CIK helfen "Scouts" lokalen Geschäften bei der Digitalisierung. "Das muss auch weitergehen - wer das Signal aussendet, muss es auch leben."

Im gewissen Rahmen wird Normalität wieder möglich sein

"Unsere Aufgabe als KME ist auch, die City attraktiv zu halten", ergänzt Martin Wacker, "dabei müssen wir die Fragestellung beantworten, wie wir ein Erlebnis vermitteln können, ohne Richtlinien zu gefährden. Was funktioniert jenseits von Online-Formaten und was können wir unter Betrachtung der Gesamtsituation unternehmen?"

"Abstand halten" heißt es im Karlsruher Zoo. Bild: Corina Bohner

Das könnten dezentrale Erlebnisse im Innenstadtbereich sein: Beispielsweise kleine Spots für regionale Künstler anstelle großer Bühnen. "Wir müssen kreativ mit der aktuellen Lage umgehen, dafür sind wir mit unserem Netzwerk gut aufgestellt. Wir werden eine neue vorsichtige Attraktivität erleben", ist sich Wacker sicher, "die im kleinen Rahmen eine gewisse Normalität wiederherstellen lässt."


2019 Stadtfest - Verkaufsoffener Sonntag


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