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Zuschauer unerwünscht: Kühltürme des AKW Philippsburg werden gesprengt, Uhrzeit bleibt geheim
Philippsburg/Karlsruhe
04.05.2020 14:32
Die Sprengung der beiden Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks in Philippsburg findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ursprünglich hatte der Betreiber EnBW mit mehreren tausend Zuschauern gerechnet - doch Corona macht eine öffentliche Sprengung unmöglich. In einem Zeitfenster von 48 Stunden werden die Kühltürme in der kommenden Woche dem Erdboden gleichgemacht. Die genaue Uhrzeit bleibt geheim, um keine Schaulustigen anzuziehen.

Zwischen Donnerstag und Freitag, 14. und 15. Mai, werden die beiden großen Kühltürme des Atomkraftwerks (AKW) Philippsburg aus dem Erscheinungsbild der Landschaft verschwinden. Eine genaue Uhrzeit gibt es vom Betreiber, der EnBW, nicht - sowohl Medien als auch Zuschauer bleiben ausgeschlossen. Die Sprengung der 152 Meter hohen Türme wird in diesem zweitägigen Zeitfenster stattfinden - das kann sowohl tagsüber als auch nachts sein.

"Gesundheit vor Event"

"Wir hätten gerne Zuschauer ermöglicht", so Jörg Michels, Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH, am Montag bei einer telefonischen Pressekonferenz, "auf Basis der festgelegten Corona-Bedingungen ist es weder möglich noch statthaft." Großveranstaltungen sind zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie bis Ende August deutschlandweit untersagt.

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Der Sprengabbruch sei zwar keine Veranstaltung, so Michels, aber er könne zu Menschenansammlungen führen, die der von einer Großveranstaltung entsprechen würden. "Das tut uns sehr leid. Aber Energiewende und Gesundheitsschutz gehen vor Event." Die EnBW will professionelle Aufnahmen der Sprengung machen und im Anschluss zur Verfügung stellen. Einen Livestream schlossen die Verantwortlichen am Montag aus.

Während des möglichen Sprengzeitraums, 14. und 15. Mai, wird die Rheinschanzinsel, auf der sich das Kraftwerksgelände befindet, abgesperrt. Die Maßnahmen sollen bereits am 13. Mai starten. Die links- und rechtsrheinischen Kommunen werden unabhängig davon weitere Absperrungen einrichten - wann und wie obliegt den Städten. Weiterhin wird die Polizei die Einhaltung der Corona-Regeln kontrollieren, kündigen die Kraftwerksbetreiber an.

Wie wird gesprengt?

Bei der Sprengung handele es sich um ein weltweit bewährtes und sehr sicheres Verfahren, so Projektleiter Thomas Müller. Allein in Deutschland sei das Verfahren schon rund 50 Mal erfolgreich durchgeführt worden. Einzigartig ist allerdings die Nähe zu kerntechnischen Anlagen - das ist erstmalig in dieser Form. Mehrere sich gegenseitig kontrollierende und beratende Spreng- und Abbruchexperten mit jahrelanger Erfahrung sollen dafür sorgen, dass alles glatt verläuft.

Bild: EnBW Kernkraft GmbH

Verläuft die Sprengung nach Plan, fallen die Türme mit einem Zeitversatz von wenigen Sekunden nacheinander in sich zusammen. Da er nicht auf die Seite fällt  - wie beispielsweise ein umfallender Baum - gibt es keinen Aufschlag durch das Gesamtgewicht. "Es ist fast keine Erddruckwelle vorhanden", so Michels, "die Kraft, die bei der Sprengung entfaltet wird, geht komplett in die Zerstörung des Betons." Unabhängig davon seien die kerntechnischen Anlagen entsprechend sicher konstruiert - sie müssen im Extremfall auch einem Erdbeben standhalten. 

Damit die Türme in die gewünschte Richtung - nämlich nach innen - fallen, werden verschiedene Sprengzonen und Schlitze in die Kühltürme eingebracht. Zwei Fallschlitze und drei Vertikalschlitze sowie rund 1.100 Bohrlöcher mit Sprengstoff am Fuße des Kühlturms sollen für den richtigen Fallwinkel sorgen. Gezündet wird von unten nach oben, "dadurch entsteht das sogenannte Sprengmaul, das die Kühltürme in die angedachte Richtung kippen lässt", erklärt Projektleiter Müller.

Auswirkungen für Bewohner?

Die Auswirkungen der Sprengung für die Bewohner der umliegenden Gemeinden bleiben übersichtlich: Evakuierungen sind nicht notwendig. Erschütterungen schließen die Verantwortlichen aufgrund der Entfernung aus, die nächstgelegene Bebauung in Philippsburg ist 1,6 Kilometer entfernt. Neben Sperrungen, um Schaulustige vom Kraftwerksgelände fernzuhalten, wird die größte Auswirkung der Schall sein. 

Bild: EnBW

Vor der Sprengung wird ein Signalhorn zu hören sein, es folgen zwei kurze dumpfe Schallereignisse und ein Grollen, welches durch das Einstürzen der Kühltürme entsteht. Die Geräusche dauern insgesamt nur wenige Sekunden - "das Grollen ist vergleichbar mit einem Donnergrollen eines vorbeiziehenden Gewitters", so Müller.

Weiterhin wird sich eine Staubwolke bilden, die sich allerdings in wenigen Minuten auflösen soll, so der Projektleiter. "Sie hat keine Auswirkung auf die Wohnbebauung, ist allerdings weithin sichtbar." Um die Staubbelastung gering zu halten, trifft die EnBW verschiedene Vorkehrungen, darunter der Einsatz von Wassersprühnebel unmittelbar nach der Sprengung, um den Staub zu binden.

Was passiert mit dem Material?

Rund 32.500 Tonnen Abbruchmaterial fallen pro Turm an: Sie sollen wiederverwendet werden. "Final können wir das erst sagen, wenn die Haufwerke aufbereitet und erneut beprobt worden sind", so Michels. Haufwerke - das sind rund 500 Quadratmeter große Materialhaufen aus Abbruchmaterial.

So soll sichergestellt werden, dass das Material nicht radioaktiv kontaminiert ist. Dies sollte eigentlich nicht der Fall sein: Die Kühltürme kamen während der Betriebszeit nicht mit radioaktivem Material in Berührung - entsprechende Vorschriften verlangen dennoch eine ausführliche und mehrfache Untersuchung.

Warum Abriss?

Notwendig ist die Sprengung im Rahmen des Rück- beziehungsweise Umbaus des Kernkraftwerks: "Wir müssen die Kühltürme entfernen, um das Baufeld freimachen zu können", so Michels. Das geräumte Baufeld wird im Anschluss an die Tochterfirma Transnet BW übergeben: Sie wird auf der Fläche ein Gleichstrom-Umspannwerk(Konverter) bauen, welcher regenerativ erzeugten Strom aus dem Norden für die Netzeinspeisung umwandelt. 

Bild: EnBW Kernkraft GmbH

Das Umspannwerk ist Teil des Projekts "Ultranet" von TransnetBW und Amprion: Ein 340 Kilometer lange Stromtrasse von Osterath bei Düsseldorf durch Rheinland-Pfalz und Hessen bis nach Philippsburg soll Strom quer durchs Land transportieren.

Für den Großteil der Strecke zeigt sich Amprion verantwortlich - TransnetBW baut den rund 40 Kilometer langen Abschnitt zwischen Mannheim-Wallstadt und dem südlichsten Netzverknüpfungspunkt Philippsburg. Die Inbetriebnahme ist für 2024 geplant. Bis 2025 soll die Trasse bis nach Emden an der Nordsee verlängert werden. 

Was könnte Sprengung noch verschieben?

Alle notwendigen Genehmigungen für die Sprengung liegen der EnBW vor, einzig das Wetter könnte den Kraftwerksbetreibern noch einen Strich durch die Rechnung machen. Würde sich zum Beispiel ein Sturm nähern, würde die Sprengung verschoben werden.

Hintergrund

Die Sprengung der Kühltürme sind Teil der Baufeldfreimachung im Rahmen des Rückbaus des AKW Philippsburg. Hier wird künftig Strom aus erneuerbaren Energien von Norden in den Süden transportiert

Die Kosten für die Sprengung befinden sich im "unteren einstelligen Millionenbetrag", für die gesamte Baufeldfreimachtung veranschlagt die EnBW einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

Seit 2011 ist Block 1 - der hellere Turm KKP1 - des Kernkraftwerks abgeschaltet und wird seit 2017 zurückgebaut, Ende 2019 folgte auch Block 2. Im Zeitfenster von 10 bis 15 Jahren will die EnBW das Kernkraftwerk soweit zurückgebaut haben, dass die Gebäude anderweitig genutzt oder abgerissen werden können.

Video der EnBW zum Abbruch der Kühltürme

In einem Video informiert die EnBW über den Abbruch der Kühltürme. Spielzeit: Zirka 18 Minuten.

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