Printor III
Guido Berlinger und seine Frau Tiziana Berlinger führen gemeinsam Printor und setzen sich hier für Inklusion ein.
Bild: Felix Haberkorn
Inklusion im Verborgenen: Wie ein kleines Karlsruher Unternehmen sich für Behinderte einsetzt
Karlsruhe
03.12.2018 15:30
Inklusion wird in Deutschland ein immer wichtigeres Thema. Sie muss dabei aber nicht immer nur ein Hindernis für Arbeitgeber darstellen wie sich bei Printor zeigt, einem kleinen Unternehmen, dass 2018 mit dem Karlsruher Inklusionspreis ausgezeichnet wurde. Ka-news hat mal vorbeigeschaut.

Am 25. Oktober wurde zum zweiten Mal nach 2015 der Karlsruher Inklusionspreis vergeben. Der Preis soll die Inklusion in Karlsruhe fördern, Vorurteile überwinden und Benachteiligungen für Menschen mit Behinderungen abbauen.

"Der Respekt vor der Andersartigkeit jeder Einzelnen und jedes Einzelnen stellt die Grundlage unserer Beziehungen dar", so Bürgermeister Martin Lenz in seiner Rede zur Verleihung. 2014 beschloss der Gemeinderat in Anlehnung an die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 die Vergabe eines Inklusionspreises im dreijährigen Turnus. "In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein", betont Lenz in seiner Rede.

Durch die Vergabe des Preises soll auf soziale Projekte und soziales Engagement in der Fächerstadt aufmerksam gemacht werden. "Häufig werden diese seit vielen Jahren praktiziert, oft im Verborgenen, ohne viel Aufsehen", berichtet Lenz. Der Preis wird in drei Kategorien vergeben: Einzelpersonen, Wirtschaft, Einrichtungen und Vereine.

Effiziente Inklusion

Einer der diesjährigen Preisträger, in der Kategorie Wirtschaft, ist das Unternehmen Printor. Bei Printor werden Tintenpatronen und Tonerkartuschen recycelt und außerdem kompatible Patronen und Tonerkartuschen sowie originales Druckerverbrauchsmaterial verkauft. Darüber hinaus hat sich das Unternehmen einer Marktlücke bedient und bietet einen speziellen Service an:

"Wir haben nicht nur funktionierendes Druckerverbrauchsmaterial, sondern wir können aufgrund unserer Erfahrung schlechte Druckqualität beseitigen, wir können Druckköpfe durchspülen, können Düsen freispülen und können so einfach diese ganze Servicedienstleistung rund um den Drucker mit anbieten, und zwar herstellerübergreifend", erklärt Geschäftsführer Guido Berlinger.

Printor I
Hier hat der unter Autismus leidende Mitarbeiter seinen eigenen Arbeitsbereich. Bild: Felix Haberkorn

Doch darüber hinaus wird hier in der Geschäftsstelle am Barbarossaplatz ganz unscheinbar, aber effizient, Inklusion betrieben. Zur Begründung der Jury heißt es: "Das soziale Engagement liegt insbesondere darin, dass er sich aktiv um die Mitarbeiter kümmert und sich auf deren leichte Irritierbarkeit eingestellt hat", erklärt Jurymitglied Andrea Bröker in ihrer Laudatio. Denn zu Inklusion gehören auch immer Verständnis und Geduld: "Herr Berlinger ist ein zugewandter und fürsorglicher Arbeitgeber", so Bröker weiter.

Inklusion war nie geplant

Begonnen hat bei Berlinger alles damit, dass er kurz nach der Gründung des Unternehmens im Jahr 2003 seinen nach einem Unfall in der Kindheit geistig schwerbehinderten Bruder Mike anstellte, der sonst womöglich langzeitarbeitslos und somit ein Sozialfall geworden wäre. "Eine gute Arbeitsstelle zu haben bedeutet, finanziell unabhängig zu sein, Tagesstruktur und Sozialkontakte zu haben, Anerkennung zu bekommen und das Gefühl zu haben, ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft zu sein", so Bröker.

Printor III
Guido Berlinger und seine Frau Tiziana Berlinger führen gemeinsam Printor und setzen sich hier für Inklusion ein. Bild: Felix Haberkorn

Anfang 2018 kam dann noch ein Mitarbeiter hinzu, der unter Autismus leidet. "Es war nicht geplant, mehrere behinderte Menschen in meiner Firma zu beschäftigen. Das hat sich einfach ergeben", erklärt Berlinger die Hintergründe. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit. "Ich finde, dass das ein soziales Engagement ist, das man für die Gesellschaft bringen kann und auf diese Art dazu beitragen kann, dass es besser funktioniert", so Berlinger.

Die Beschäftigung seines Bruders war allerdings zu Beginn kein leichtes Unterfangen und sorgte auch für Streit mit seinen beiden Mitinhabern: "Die haben gesehen: der bringt keine volle Arbeitsleistung, soll aber trotzdem bezahlt werden", verrät Berlinger. Das bedeutete nicht nur Reibungen innerhalb der Firma, sondern auch enormen Druck für seinen Bruder. Zu diesem Zeitpunkt wussten Berlinger und seine Partner noch nichts von den Fördermöglichkeiten und Zuschüssen: "Das war uns nicht bekannt", erklärt er.

Auch kleine Unternehmen können Inklusion

Erst nach einiger Zeit kam es zum Kontakt mit dem Integrationsfachdienst. Von da an wurde es besser. Die Spannungen mit den anderen Gesellschaftern verschwanden, wovon vor allem sein Bruder profitierte: "Mein Bruder, der Mike, hatte diesen Leistungsdruck nicht mehr. Der ist dadurch von ihm abgefallen. Er musste gegenüber den beiden Mitinhabern nicht mehr diese 100 Prozent Leistung erbringen", freut sich Berlinger.

Printor II
Guido Berlinger und seine Frau Tiziana Berlinger präsentieren stolz die Urkunde vom Inklusionspreis. Bild: Felix Haberkorn

Der Preis ist für ihn vor allem deshalb wichtig, damit auch andere Arbeitgeber sehen, dass Inklusion auch in kleinen Unternehmen funktionieren kann: "Durch die Unterstützung des Integrationsfachdienstes ist das ohne Weiteres möglich. Natürlich hat man einen erhöhten Aufwand. Das hat man bei Personen mit einer geistigen Behinderung oder großen sozialen Problemen natürlich. Aber die Zuschüsse sind wirklich angemessen und machen das möglich", gibt Berlinger zu verstehen. Der Erfolg des Unternehmens muss also bei Inklusion nicht leiden.

Auch die Zusammenarbeit mit dem unter Autismus leidenden Mitarbeiter stellt für Berlinger kein Problem dar. Dieser hat einen eigenen Raum, ein Stockwerk über dem Ladengeschäft, wo er sich um die Bearbeitung von Tintenpatronen und anderen Druckermaterialien kümmert. Hier hat er seine Ruhe und vor allem einen Rückzugsort, was wichtig ist, da er "richtige Tiefphasen hat, wo er sich erholen muss", so Berlinger. Hier kann sich der Mitarbeiter auch mal, wenn nötig, eine halbe Stunde hinlegen, verrät Berlinger. "Diese Möglichkeiten sind hier gegeben", erzählt Berlinger.

ka-news-Hintergrund

Der Inklusionspreis wurde bereits 2015 zum ersten Mal vergeben. Damalige Gewinner waren in den Kategorien Einzelpersonen (Gabriele Becker), Wirtschaft (SIVIS GmbH) und Einrichtungen und Vereine (Eltern und Freunde für Inklusion). Der Preis soll alle drei Jahre vergeben werden. Die Gewinner erhalten neben einer Urkunde auch ein Preisgeld.

Die Jury des diesjährigen Inklusionspreises setzte sich zusammen aus Silvia Henker von der Industrie- und Handelskammer Karlsruhe, Manuela Jochem von der Kreishandwerkschaft, Elisabeth Loffl vom Integrationsfachdienst, Andrea Bröker und Manfred Weber, beide Beirat für Menschen mit Behinderung, Mirja Kinnunen, Jugendhilfeplanerin der Stadt Karlsruhe sowie Ulrike Wernert, kommunale Behindertenbeauftragte der Fächerstadt.

Neben Printor wurden außerdem ausgezeichnet: In der Kategorie Einzelpersonen (Uwe Benitz, Mariana Fütterer, Armin Kuhn sowie Günther Tomek) und in der Kategorie Einrichtungen und Vereine (Kindertagesstätte im Lebenshilfehaus).

Menschen mit Behinderungen in Karlsruhe

Am internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen widmet sich ka-news den Arbeitsbedingungen und der Integrationsmöglichkeiten in Karlsruhe. Die weiteren Artikel der Serie finden Sie hier:

Zu wenig Schwerbehinderte in Karlsruher Unternehmen: Drücken sich die Betriebe vor ihrer Beschäftigungspflicht?

"So normal wie möglich, so speziell wie nötig": Reha-Berater helfen Behinderten bei der beruflichen Wiedereingliederung

Lade TED
 
Ted wird geladen, bitte warten...
 
1 Kommentare

Hinweis: Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren. Bitte beachten Sie die Kommentarregeln.
Betreff/Titel


Ihr Kommentar

Noch Zeichen