Prof. Dr. Horst Hahn steht mit einem Poster zum Wirkprinzip neben dem ersten Prototypen des Aerobuster in seinem Büro.
Horst Hahn erklärt die Mechanik des ersten Prototypen des Aerobuster.
Bild: Carmele/TMC-Fotografie
Corona-Jäger "Aerobuster": Dieses Gerät soll jeden Raum von Viren befreien
Karlsruhe
23.11.2020 09:29
Aerosole spielen bei der Verbreitung von Covid-19 eine wichtige Rolle. Die winzigen Tröpfchen werden beim Sprechen, Husten oder Niesen ausgestoßen. So steigt die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Infektion rapide an - das kann zu Problemen gerade in geschlossenen Räumen führen. Und regelmäßiges Lüften stößt gerade in der anstehenden kalten Jahreszeit nicht gerade auf Begeisterung. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) will mit dem "Aerobuster" nun eine Lösung entwickelt haben: Er soll Viren zu fast 100 Prozent aus der Luft filtern können - doch funktioniert das tatsächlich?

"Aerobuster" - was auf den ersten Blick nach einem Requisit aus einem Science-Fiction-Film klingt, soll den Kampf gegen das Corona-Virus im realen Leben nachhaltig verbessern. Vorbei sein sollen die Zeiten, in der man bibbernd vor dem offenen Fenster sitzt, um mit dem regelmäßigen Lüften die Raumluft von möglichen Corona-Viren zu reinigen.

Möglich machen soll das das futuristisch aussehende, schlanke Edelstahlgebilde, dass auf dem Schreibtisch von Professor Horst Hahn im Institut für Nanotechnologie (INT) des KIT steht. Der Aerobuster besteht aus einem Metallrohr, einem Lüfter, einem Heizstrahler und einer UV-Lampe. Betrieben wird er mit einem handelsüblichen Stecker und ist so groß wie eine Stehlampe.

Der erste Prototyp steht batteriebetrieben auf einem Metallständer in einem Büro.
Der erste Prototyp steht batteriebetrieben auf einem Metallständer - das Aussehen soll sich noch weiterentwickeln. Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Doch was kann das Gerät mit dem außergewöhnlichen Namen denn nun genau? Einfach gesagt: Es soll Viren aus der Luft filtern und unschädlich machen - und das bis zu fast 100 Prozent. Wie soll das funktionieren?

So soll der Aerobuster die Raumluft von Viren reinigen

Die Röhre des Aerobuster wird dazu in eine Wärme- und UV-Zone unterteilt. Nachdem die Luft durch den Lüfter angesaugt wurde, werden die Viren in der Wärmezone getrocknet und vorgeschädigt. "Oben in der UV-Zone bekommen sie dann den Rest", erklärt Hahn im Gespräch mit ka-news.de augenzwinkernd. Die Viren werden dadurch inaktiviert.

Ein Modell des Aerobusters: Unten in rot ist die Wäremzone dargestellt, oben in Blau die UV-Zone. Die Luft fließt von unten nach oben.
Ein Modell des Aerobusters: Unten in rot ist die Wärmezone dargestellt, oben in blau die UV-Zone. Die Luft fließt von unten nach oben. Bild: KIT (KIT)

Doch kann ein so kleines Gerät überhaupt genug Luft und dadurch Viren ansaugen? Ja, meint der Mitentwickler und Leiter des INT. "Wir spüren davon nichts, unsere Aerosole werden aber durch den entstehenden Drift angesaugt. Wenn man etwas weiter weg vom Gerät steht, fällt dieser Effekt weg, die Teilchen verbreiten sich aber durch Bewegung, ähnlich wie sich Gas ausbreitet oder ein Tropfen Tinte, der in Wasser gegeben wird."

Schützt das Gerät tatsächlich ausreichend vor Corona-Viren?

Durch das permanente Ansaugen entstehe an der Stelle des Aerobuster eine niedrigere Konzentration von Aerosolen. Daraufhin bewegen sich die Aerosole zu dieser Stelle, um den Mangel dort auszugleichen. So werden nach und nach alle Teilchen eingesaugt, bis keine mehr im Raum vorhanden sind - vergleichbar mit einer Sanduhr. So könne jeder Raum von möglichen Corona-Aerosolen befreit werden.

Im Inneren befinden sich 2 UV Lampen längs der Edelstahlröhre. Am unteren Ende wird angesaugte Luft über ein Heizelemnt geleitet.
Im Inneren befinden sich zwei UV-Lampen längs der Edelstahlröhre. Am unteren Ende wird angesaugte Luft über ein Heizelement geleitet. Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Was nach einer Revolution in der Virenbekämpfung klingt, ist für den Mitentwickler des Aerobuster und Leiter des INT allerdings "kein Hexenwerk", wie er erklärt. "Wir haben nichts Neues gemacht, es ist keine neue Methode, Viren zu vernichten." Viren und Aerosole durch UV-Technik zu trocknen und dadurch "unbrauchbar" zu machen, sei eine lang bewährte Technik zur Desinfektion. Über die Resonanz sei er deshalb ein wenig überrascht gewesen.

Aerobuster soll bald auf dem Markt erhältlich sein

Durch die einfache Bauweise und die dadurch ebenfalls einfach gestrickten Bauteile hofft er allerdings, dass der neue Aerobuster kostengünstig hergestellt und schnell verkauft werden kann. Denn: Er soll künftig auch in Klassenzimmern, Büros und Hörsälen zum Einsatz kommen. 

Allerdings fehle dazu aktuell noch der richtige Partner aus der Industrie. Ist der gefunden, könne die Produktion laut Hahn aber schnell starten: "Innerhalb weniger Wochen könnten 10.000 Aerobuster gebaut werden." Sein stehlampenartiges Aussehen wird er dann aber ablegen. Das Gerät soll so allerdings schnell und flexibel an die Wünsche der Industrie angeglichen werden können, erklärt der KIT-Professor.

Letzte Feinschliffe fehlen noch

Doch soweit sind die Forscher noch nicht. Aktuell laufen verschiedene Untersuchungen mit einem Partnerinstitut, um die idealen Arbeitsbedingungen betreffend Temperatur und UV-Intensität herauszuarbeiten. "Im Moment arbeiten wir mit 60 Grad, die wollen wir aber so weit es geht nach unten korrigieren, um möglichst effizient zu sein", so der 68-Jährige.

Prof. Dr. Horst Hahn neben dem erste Protypen des Aerobuster.
Professor Horst Hahn neben dem ersten Prototypen des Aerobuster. Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Auch am Lüfter besteht noch Verbesserungspotenzial: Läuft er auf voller Kraft, ist er zwar nicht störend, aber schon klar zu hören. "Das ist ein Standardlüfter und kann gut verbessert werden", so Hahn. Eine weitere Hürde, vor der die Forscher stehen: Nachweisen, dass tatsächlich Viren inaktiv beziehungsweise zerstört werden. "Schwierig ist hier das Messen. Wir müssen eine Konzentrationsbestimmung machen, bevor die Luft angesaugt wird und danach."

Getestet werde aktuell nicht mit Corona-Viren, sondern mit Bakteriophagen. Diese sind laut Virologen schwieriger zu zerstören als SARS-CoV2-Viren. Da für diese Untersuchungen spezielle Labore nötig sind, werden sie ebenfalls in einem Partnerinstitut durchgeführt.

Aerobuster soll Raumluftfilter (preislich) schlagen

Hahn und sein freiwillig arbeitendes Team sind also am Ende ihrer im April gestarteten Forschung. "Wir sind an einer Stufe angelangt, an der wir kein Produkt mehr entwickeln können. Das kennen wir nicht. Wir wissen, dass es funktioniert und wollen es gerne weitergeben, damit es möglichst bald gebaut werden kann", so Horst Hahn im Gespräch mit ka-news.de. Interessen für die Produktion seien bereits vorhanden.

Prof. Dr. Horst Hahn im Interview
ka-news.de im Gespräch mit dem Mitentwickler des Aerobuster. Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Durch das neue Produkt könnten die prognostizierten Anschaffungskosten für Raumluftfilter deutlich gesenkt werden. Aktuelle Geräte kosten zwischen 3.000 und 5.000 Euro. Der neue Aerobuster könnte allerdings schon für wenige hundert Euro auf den Markt kommen.

Dadurch könnten die hochgerechneten eine Milliarde Euro, um jedes Klassenzimmer in Deutschland mit einem Filter auszustatten, auf 250 Millionen Euro gesenkt werden - eine Aussicht, die auch in den Reihen der Karlsruher Politiker schon Anklang fand: Die Grünen-Fraktion hatte die Stadt in der November-Sitzung des Gemeinderats dazu aufgefordert, eine Kooperation mit dem INT zu überprüfen. Hierfür steht die Verwaltung nun im Austausch mit dem KIT.

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