Turm des Karlsruher Rathauses, im Hintergrund der Friedrichsplatz.
Turm des Karlsruher Rathauses, im Hintergrund der Friedrichsplatz.
Bild: Carmele/TMC-Fotografie
Vom Gefängnis zum Karlsruher Wahrzeichen: Die Historie des Rathausturms am Marktplatz
Karlsruhe
10.10.2021 11:50
Die große, 50 Kilogramm schwere Uhr am Rathausturm befindet sich in einem Raum, den man heute nicht mehr besuchen kann. Aber der Journalist der Badischen Presse, der im April 1933 den Raum betreten darf, beschreibt ihn als ein “halbdunkler, fensterloser Raum, der durch ein horizontales Kreuz, in dessen Armen die Wellen zu den Uhrzeigern laufen, in vier gleiche Teile geteilt wird." Die Rede ist hier vom Karlsruher Rathausturm, der eine ereignisreiche Historie hinter sich hat. Ein Blick zurück.

Der Journalist wird von dem Türmer begleitet, der dann einige Schiebefenster und Türen öffnet, zu welchen man hinaus in die zwei Meter hohen Zifferblätter mit ihren dreißig Zentimeter große Ziffern schauen kann. Sechs kreisförmig angeordnete Glühbirnen erhellen sie abends. Mit wenigen Stufen abwärts steht man vor dem Uhrwerk, das sich in einem Glaskasten befindet. Heute gibt es auch keinen Türmer mehr.

Ein weiter Weg nach oben

Damals hat er in einer geräumigen Wohnung in der gleichen Höhe wie das Uhrwerk gelebt. Die 3-Zimmer-Wohnung ist mit "Dampfheizung, elektrischer Beleuchtung und Telefon" ausgestattet. Die kleine fünf-jährige Tochter des Türmers macht jeden Tag den acht Minuten langen Weg die Treppe zur Stadt hinunter. Insgesamt sind es 234 Stufen bis ganz oben. Die Wohnung des Türmers liegt 61 Stufen darunter.

DerKarlsruher  Rathausturm in der Badischen Presse.
Der Karlsruher Rathausturm in der Badischen Presse. Bild: Badische Presse vom 8.8.1942

Unter der Wohnung liegt der Karzer – "der Schrecken abenteuerdürftiger Karlsruher Volks-, Gewerbe- und Handelsschüler", erklärt der Journalist. Diese erhalten vorgedruckte Strafzettel, wenn sie wegen Schwänzens der Schule ein paar Stunden in den Zellen absitzen müssen. Manche kommen sogar "in Begleitung eines Schutzmannes" da sie seit vierzehn Tagen zur Strafe nicht erschienen sind.

Noch früher hat der Turm auch als Militärgefängnis gedient. Der Karlsruher Rathausturm, erbaut 1824 nach Plänen von Friedrich Weinbrenner, steht 51 Meter hoch gegenüber der Stadtkirche am Marktplatz. Oben auf dem Turm steht eine 1,8-Meter-hohe Merkurfigur – der antike römische Gott des Handels und der Diebe, der die Nachrichten der Götter den Menschen überbrachte. Im Volksmund heißt die Figur oft der "goldene Engel."

Rathaus schnell zu klein

1728 wird das erste Rathaus gebaut. Eine Mehlwaage, Korn- und Kaufhaus sind im Erdgeschoß untergebracht, während sich im Hof die Fleischbänke und das städtische Feuerhaus befinden. Das Rathaus ist aus Holz, wird aber schnell baufällig. Es ist auch zu klein, so dass es für die Stadtverwaltung nicht mehr ausreicht. Der Staat ist auch an der Errichtung eines neuen Verwaltungsgebäudes interessiert und infolge wird eine Kommission aus Staatsbeamten und Gemeindevertretern gebildet. Letzteres besteht aus dem Oberbürgermeister Dollmätsch, zwei Stadträten und vier Mitgliedern des Bürgerausschusses.

Heutiger Ausblick vom Turm.
Heutiger Ausblick vom Turm. Bild: Katherine Quinlan-Flatter

1804 beschließt die Stadt, ein neues Rathaus nach Plänen von Oberbaudirektor Weinbrenner zu bauen, der die Kosten auf 154.600 Gulden schätzt. Nach längeren Diskussionen in der Kommission gibt der Großherzog die Genehmigung zum Neubau mit dem Vorbehalt, dass die Kosten 200.000 Gulden nicht übersteigen dürfen.

Neubau teurer als geplant

Weinbrenner plant bereits 1809, dass der Turm auch ein Gefängnis und einen Hochwartsturm zur Feuerbeobachtung beherbergen soll. Teile des Baus werden über die nächsten Jahre fertiggestellt, jedoch infolge von Krieg oder Geldmangel kommt es immer wieder zum Baustopp. Im Jahr 1825 wird der Bau endlich fertig mit Gesamtkosten von 260.000 Gulden. Die Amtskasse ersetzt 42.000 Gulden von den Kosten des Turms, da dieser als Gefängnis dient.

Das Karlsruher Rathaus.
Das Karlsruher Rathaus. Bild: Badische Presse 8.8.1942

Weinbrenner schlägt eine Merkurfigur für den Turm vor, stoßt aber auf Widerstand. Deshalb wendet er sich an den Großherzog, der sich für die Figur entscheidet "in der Attitude als Wegweiser, wo der Wind herkommt." Die Uhr am Turm wird 1829 angebracht. Beim Bau des Turms werden bereits zwölf Gefängniszellen für Soldaten und 13 für Zivilpersonen eingerichtet. Der Turm funktioniert als Amtsgefängnis und alle möglichen Personen sitzen Strafen ab.

Nach der Niederschlagung der Badischen Revolution 1849 beispielsweise sitzen einige der Revolutionäre im Rathausturm und kritzeln, wie viele andere auch, oft ihre Erlebnisse durch Schnitzereien in die Holztüren der Zellen. Der Journalist der Badischen Presse, der den Turm 1933 besucht, findet gekritzelte Texte von einem "Tarzan" und auch von einem "Christian", der 1830 "im Gasthaus zum Goldenen Engel", wie das Gefängnis im Volksmund heißt, nächtigt.

Früher war der Turm ein Gefängnis

"Es ist so schön gewesen", schreibt ein Dritter. Möglicherweise hat er ein "Zimmer mit Ausblick" gehabt – denn heutzutage hat man von dem großen luftigen, hellen Zimmer oben auf dem Turm einen wunderbaren Ausblick über die Stadt und in die Ferne und das Schloss strahlt in seiner ganzen Pracht scheinbar hautnah.

Turm des Karlsruher Rathauses, im Hintergrund der Friedrichsplatz.
Turm des Karlsruher Rathauses, im Hintergrund der Friedrichsplatz. Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Im Jahr 1897 wird das Amtsgefängnis II in der Riefstahlstraße eröffnet und die Stadt richtet nun zwei Arrestzellen im Turm ein – hier müssen Schüler Arreststrafen absitzen. In den Zellen gibt es jeweils eine eiserne Bettstelle mit Matratze, einen Tisch mit Sitzplatte, Kleiderhaken, Essgeschirr, Wasserkrug, eine Wasserschüssel, ein Handtuch, einen Karren und einen Speikasten und Nachtgeschirr.

Turm überlebt den Krieg

Sträflinge bekommen täglich 500 Gramm Brot, morgens mittags und abends je einen halben Liter Suppe, und mittags und abends noch einen halben Liter Gemüse oder Mehlspeise. Trinkwasser gibt es nach Bedarf. Der erste Häftling ist der Schüler Jakob Hauck, der mehrfach den Unterricht schwänzt und eine Arreststrafe von zwölf Stunden bekommt. Der Arrest wird aber lockerer. 1922 beschwert sich die Gewerbeschule, dass die Häftlinge zu viert zusammensitzen, Zigaretten rauchen und Karten spielen.

Im Zweiten Weltkrieg werden in den Zellen Akten gelagert und seitdem wird der Turm nicht mehr als Gefängnis oder Schülerkarzer genutzt. Im Dezember 1940 wird die Turmuhr während eines Luftangriffs durch ein Flakgeschoß zerstört und nach einem Angriff 1944 wird fast das gesamte Innere des Rathauses vernichtet. Der Turm bleibt jedoch bestehen. Erst 1953 kann eine neue Uhr auf dem Turm montiert werden. Der Turm wurde bisher noch zweimal saniert und im Jahr 1987 die Merkur-Plastik – der "goldene Engel" – neu vergoldet.

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