"Eva mit Schlange" im Stadtgarten.
Bild: Lars Notararigo
Kunst-Wirrwarr in Karlsruhe: Warum nun um zwei Skulpturen im Stadtgarten verhandelt wird
Karlsruhe
01.05.2021 12:00
Im Karlsruher Stadtgarten stehen zwei Skulpturen, die Anfang der 1930er-Jahre von einem Künstler geschaffen wurden, dessen Werke in der Zeit des Nationalsozialismus als "entartete Kunst" eingestuft wurden: die Skulpturen "Eva mit Schlange" und "Jüngling". Beide Figuren stammen von Christoph Reinhold Voll - damals von den Nationalsozialisten verfolgter und gefolterter Bildhauer, Grafiker und Professor an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe. Was man diesen Skulpturen jedoch nicht ansieht: Um diese Skulpturen wird nun verhandelt.

Der Grund dafür: Kürzlich war entdeckt worden, dass die beiden Skulpturen, die bereits jahrelang im Karlsruher Stadtgarten beheimatet sind, nie von der Stadt Karlsruhe gekauft worden waren. Jetzt steht die Stadtverwaltung in Verhandlungen mit den eigentlichen Eigentümern – den Nachfahren von Voll.

"Die Figuren sollen in Karlsruhe bleiben"

"Die Enkelkinder von Christoph Voll möchten, dass die Skulpturen in Karlsruhe, in der Stadt, wo Voll gearbeitet hat, auch bleiben", sagt Tom Høyem, Fraktionsvorsitzender der FDP Karlsruhe. Eine dritte Skulptur von Voll, "Große Badende", steht im Botanischen Garten. Dieses Kunstwerk hatte das Land Baden-Württemberg offiziell gekauft.

"Jüngling" im Karlsruher Stadtgarten. Bild: Lars Notararigo

Geboren wird Voll 1897 in München. Sein Vater, der im Jahr seiner Geburt stirbt, war Bildhauer. Nachdem seine Mutter wieder heiratet, steckt sie den kleinen Christoph in ein streng geführtes Waisenhaus, wo er eine bittere Kindheit erlebt.

Voll kämpft als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg und bekommt die silberne Verdienstmedaille vom Großherzog von Baden verliehen. Nach dem Krieg studiert er Kunst in Dresden, wo er Mitglied der Dresdner Sezession Gruppe 1919, einer expressionistischen Künstlergruppe, wird. Hier lernt er auch seine Frau Erna, eine Dänin, kennen.

Voll wird Meisterlehrer in Karlsruhe

Obwohl Voll viele Schrecken des Kriegs erlebt haben muss, konzentriert er sich in seinen Werken nie auf die Gräuel dieser Zeit, sondern vielmehr auf die soziale Situation der Menschen in der Nachkriegszeit.

Nachdem er 1924 bei der Großen Berliner Kunstausstellung seine Werke ausstellt, zieht er nach Saarbrücken, um die Leitung der dortigen Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk zu übernehmen. Hier wird er auch 1925 zum Professor ernannt. Drei Jahre später im Jahr 1928 wechselt er nach Karlsruhe, wo er als Meisterlehrer für Plastik an der Badischen Landeskunstschule arbeitet.

Christoph Voll, Selbstporträt.
Christoph Voll, Selbstporträt. Bild: gemeinfrei

In den nächsten Jahren stellt Voll in mehreren Städten aus, unter anderem 1929 in der Mannheimer Kunsthalle. "Mächtig, voll plastischer Energie sind die Arbeiten in Holz, Gips und Bronze von Christoph Voll", schreibt die Badische Presse vom 10. Mai 1929 über Volls Figuren in Mannheim.

Mit der Machtergreifung der Nazis beginnt die Verfolgung

Über seine Kollektivausstellung in Karlsruhe 1931 schreibt der Badische Beobachter am 7. Juni, dass die Werke von Voll großes Interesse erregt haben, nicht nur in Karlsruhe, sondern sehr stark von außerhalb. "Mit Recht", fährt die Zeitung fort, "Christoph Voll gehört zu den wenigen Plastikern von wirklich großem Format, die die deutsche Kunst der Gegenwart hervorgebracht hat."

"Nonne im Waisenhaus" (Holzschnitt) von Christoph Voll.
"Nonne im Waisenhaus" (Holzschnitt) von Christoph Voll. Bild: Galleria del Levante

Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 erfährt Christoph Volls Karriere  ein jähes Ende. Die neuen Machthaber beginnen mit seiner Verfolgung. Einige seiner Werke, insbesondere die von den Nazis als "hässliche Weiber" bezeichneten Figuren, werden als "entartete Kunst" beurteilt und in die Vorläuferausstellung der "Entarteten Kunst" nach Dresden transportiert.

Eine geplante Ausstellung von Volls Werken in Oslo mit dem bekannten Maler Edvard Munch wird durch die Nationalsozialisten verhindert. Die bereits nach Skandinavien transportierten Kunstwerke kommen nur in Kopenhagen an und erreichen Oslo nicht. Erna Voll sorgt dafür, dass die Werke ihres Mannes in Kerteminde, in der Nähe ihrer Heimat, auf einem Bauernhof in dem von den Nazis besetzten Dänemark während des Zweiten Weltkriegs versteckt bleiben.

Christoph Volls Kunst wird als "entartet" ausgestellt

Christoph Voll wird jedoch erst einmal nicht aus dem Dienst an der Badischen Landeskunstschule entlassen, sein Vertrag wird sogar um zwei Jahre verlängert. Voll aber ist Pazifist, seine Ansichten anti-nationalsozialistisch. 1935 kommt es daher in der Schule zu Problemen und Beschwerden gegen ihn. Eine genauere "Untersuchung" ergibt, dass er "vom Dienst entpflichtet wird", aber weiterhin das Atelier und die Lehrwerkstatt zur Erfüllung seiner Staatsaufgaben verwenden darf.

"Junges Paar (Birne)" von Christoph Voll.
"Junges Paar (Birne)" von Christoph Voll. Bild: Galleria del Levante

Im Mai 1935 werden neue Werke von Voll wieder in der Mannheimer Kunsthalle ausgestellt. "Was Christoph Voll gelingt, ist die Zurückführung der menschlichen Körperschönheit auf eine fast symbolisch vereinfachte Form und die Werke erfüllen mit unverminderter Freude", schreibt das Karlsruher Tagblatt vom 21. Mai 1935. Die Regierung jedoch ist anderer Meinung: Im Juli 1937 werden seine Werke in der Ausstellung "Entartete Kunst" diffamiert und 43 seiner Arbeiten konfisziert.

Wurde Voll im "Braunen Haus" in Karlsruhe gefoltert?

Es ist sogar zu vermuten, dass der Bildhauer Christoph Voll von der Gestapo im sogenannten "Braunen Haus" in der Karlsruher Ritterstrasse gefoltert wurde. Seine Frau sagte, er sei auf der Straße zusammengebrochen, als er dort entlassen wurde. Kurze Zeit danach, im Jahr 1939, stirbt er im Alter von 42 Jahren und wird in Dänemark beigesetzt.

Tom Høyem
Tom Høyem. Bild: FDP Karlsruhe

"Christoph Voll gehörte jener Gruppe von Menschen im Dritten Reich an, die weder in Konzentrationslagern deportiert, noch umgebracht wurden, die aber trotzdem verfolgt und gefoltert wurden", sagt Karlsruher FDP-Stadtrat Tom Høyem. Er, selbst gebürtiger Däne, hat sich mit der Geschichte Christoph Volls auseinandergesetzt, wie er im Gespräch mit ka-news.de erklärt.

Nach dem Krieg werden die Werke des verfolgten Künstlers wieder nach Karlsruhe gebracht und einige werden weltweit verkauft. Auch die beiden Skulpturen im Stadtgarten sollen jetzt bald einen offiziellen Besitzerwechsel erleben.

Der Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

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