Bild: Katherine Quinlan-Flatter
Die Geschichte des "Braunen Hauses" in Karlsruhe: Lagern im Keller noch immer Original-Dokumente der Nazi-Zeit?
Karlsruhe
01.05.2021 06:00
Das "Braune Haus" in der Karlsruher Ritterstraße ist vermutlich einer der letzten Zeitzeugen an das Dritte Reich und die damals begangenen Verbrechen des NS-Regimes in Karlsruhe. Aktuell wird das Haus von der Flurordnung Karlsruhe genutzt. Die zieht aber bald aus und um historische Daten und Dokumente zu sichern - die sich noch heute im Keller des Hauses befinden sollen - forciert die Fraktion Die Linke eine Untersuchung von Seiten der Stadt Karlsruhe. ka-news-de Redakteurin Katherine Quinlan-Flatter hat sich im Keller des ehemaligen "Adolf-Hitler-Hauses" umgesehen.

Während des Dritten Reichs war in der Ritterstraße 28-30 in Karlsruhe das Gauamt untergebracht. Damals war Deutschland in 43 Gebiete unterteilt, die "Gaue" genannt wurden. Dem Gau, der dem damaligen Reichstagswahlkreis entsprach, stand ein Gauleiter vor, der wiederum sehr weitreichende Befugnisse hatte. Somit war das Gauamt die Dienststelle der obersten Macht im entsprechenden Gebiet.

Gestapo zieht ins "Braune Haus"

Die beiden Häuser in der Ritterstraße waren ursprünglich historische Mietwohnhäuser. Ab 1933 zog die Gauleitung ein und während des Kriegs im Jahr 1943 zusätzlich eine Abteilung der Gestapo, der geheimen Staatspolizei im Dritten Reich. Die Hauptstelle der Gestapo befand sich allerdings in Ettlingen.

Die Häsuer mit der Nummer 28 bis 30 der Ritterstraße.
Die Häuser mit der Nummer 28 bis 30 der Ritterstraße. Bild: Verena-Müller-Witt

Offiziell hieß das Haus “Adolf-Hitler-Haus“ und im Volksmund “Braunes Haus“. Von den vielen Kellerräumen wurden vermutlich in zwei Zellenräumen Gefangene gehalten. In den Räumlichkeiten der Ritterstraße führte die Gestapo Verhöre durch, wobei die hauptsächliche Haft und Folter im Polizeigefängnis in Ettlingen erfolgte.

Heute ist das Haus Ritterstraße 28-30 Sitz der Gemeinsamen Dienststelle Flurneuordnung Karlsruhe und befindet sich im Eigentum des Landes. Allerdings wird die Behörde voraussichtlich Ende Juni dieses Jahres umziehen.

Die Linke-Gemeinderatsfraktion möchte, dass die Stadt in Erfahrung bringt, wer die Räumlichkeiten nach dem Auszug des Amts übernehmen wird. Es soll sichergestellt werden, dass durch den Umzug und die Nachnutzung keine historischen Spuren versehentlich verschwinden oder beschädigt werden. In den Räumlichkeiten sollen noch Dokumente und Unterlagen mit Regelwerken vorhanden sein und die Zellen seien noch mit original Putz und Türen versehen.

Die Linke möchte Dokumente erhalten

Hierzu hat die Fraktion einen Antrag an den Gemeinderat gestellt. "Es ist sehr wichtig, dass wir in Erfahrung bringen, was in dieser Zeit damals passiert ist. Diese Erkenntnisse müssen an die jüngeren Generationen weitergeben werden, um zu verhindern, dass wir wieder in eine solche Situation kommen könnten", sagt Karin Binder, Stadträtin von Die Linke im Gespräch mit ka-news.de.

Karin Binder.
Karin Binder. Bild: Stella von Saldern

"Es ist für uns auch wichtig, mit den zuständigen Stellen in Ettlingen weiter zu recherchieren". Die Fraktion möchte außerdem, dass die mutmaßlichen Gestapo-Zellen sowie die vorhandenen Unterlagen geprüft und dokumentiert werden.

Bekannt ist, dass die Gestapo im Zusammenhang mit der Untersuchung der sowjetischen Widerstandsorganisation BSW Verhöre mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern geführt hat. "Die Abkürzung BSW lässt sich in Deutsch etwa mit ‘Brüderliche Zusammenarbeit‘ übersetzen", erklärt Binder. Sie ist selber Mitglied der Organisation VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten) und setzt sich für die Opfer der politischen Verfolgung ein.

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Unterwegs im Keller

Im Antrag der Fraktion wird weiter darum gebeten, dass Stadt und Land gemeinsam mit dem Stadtarchiv und zuständigen Behörden, wie der Denkmalschutzbehörde und dem Landesdenkmalamt prüfen, wie die Räume dauerhaft bewahrt und öffentlich zugänglich gemacht werden können. "Eine Art Denkmal," sagt Binder, "im Sinne von ‘Denk mal nach, dass so etwas nicht wieder passiert.'"

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Karl-Heinz Brenner ist Oberamtsrat und Verwaltungschef der Gemeinsamen Dienststelle Flurneuordnung Karlsruhe. Er hat Anfang der 1980er Jahren im Braunen Haus seine Ausbildung gemacht. "Damals musste ich kurz in den Keller gehen", erinnert sich Brenner, "und da war noch alles vollgestellt mit Akten und Möbeln. Im Rahmen der Sanierung 1997 wurde dies zum großen Teil entfernt, sowie der Zugang zu den Kellerräumen von außen."

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Mit Karl-Heinz Brenner durfte ka-news.de den Keller im Braunen Haus besichtigen. Die Kellerräume sind teilweise gut beleuchtet, teilweise aber auch dunkler und irgendwann muss man sich ducken, um nahe Begegnungen mit massiven Spinnennetzen zu vermeiden.

Kaum Licht, viele Spinnweben

Ganz am Ende gibt es heute kein Licht mehr und man muss den Weg durch den tunnelartigen Gang mit der Handy-Taschenlampe beleuchten. In den langen, engen und kalten Gängen, die von Zimmer zu Zimmer führen kann man sich gut vorstellen, wie sich die Gefangenen gefühlt haben müssen und mit welcher Angst sie die Wege durch das Gebäude beschritten.

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Ein kleines Zimmer mit einem Bücherregal und Büchern, die sich noch in einem guten Zustand befinden, steht ganz am Anfang der verschlungenen unterirdischen Siedlung. Hier sind Amtsblätter, Vorschriften und Bücher von jeder Epoche zu finden – von den 1870er Jahren bis in die 1965-er Jahre hinein.

"Im Dritten Reich haben die Häftlinge im Gefängnis in Bruchsal die Bücher gebunden", erklärt  Brenner. In einem Buch werden die "Allgemeinen Verpflegungssätze" für Häftlinge aufgelistet. Pro Woche durften die Häftlingen zum Beispiel 200 Gramm Fleisch und Fleischwaren erhalten, dabei durften sie zwischen Freibank- oder Pferdefleisch wählen. Außerdem bekamen sie 100 Gramm Quark und 100 Gramm Marmelade, jedoch 2600 Gramm Roggenbrot.

Akten sind gut erhalten

Polnische Gefangene, erhielten lediglich 80% dieser Menge, Juden noch weniger, dazu auch keine entrahmte Frischmilch. Aus den beiden mutmaßlichen Zellenräumen sind drei Räume entstanden – die eine Zelle wurde durch eine Wand getrennt. Die zwei Originaltüren sind noch vollständig und mit kleinen Punkten in Augenhöhe durchgestanzt, vermutlich zur Überwachung.

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Neben den Türen befindet sich jeweils ein kleines Gitter, vermutlich um die Gefangenen besser beobachten zu können oder mit ihnen zu sprechen. In die Wände der einen Zelle sind Wörter und Bilder eingekratzt – KPD, ein 5-punktiger KPD-Stern, ganz groß das Wort “Rache“ und Wörter auf Russisch. Auf dem Boden sieht man kleine Holzbefestigungen, vielleicht für eine Pritsche.

Auch die FDP beteiligt sich

In der anderen Zelle gibt es in der Wand eine kleine Einrichtung für eine Dauerbeleuchtung. Überall in den Räumen kommt minimales Licht durch die kleinen, hohen und mit Gittern gesperrten Fenster. Auch die FDP-Fraktion unterstützt die Prüfung und Dokumentation der mutmaßlichen Gestapo-Zellen im "Braunen Haus."

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Hierbei sind die Ziele nicht nur die Erhaltung wichtiger Erinnerungsräume sowie der Zeugnisse und Dokumente, sondern auch die Gewinnung neuer Erkenntnisse über mögliche Folteropfer wie Christoph Voll, dessen Skulpturen heute noch in Karlsruhe stehen, schreibt die FDP in ihrem Ergänzungsantrag zu der Sache.

Karl-Heinz Brenner unterstützt auch die Aktion. "Es ist wichtig, an die Sache zu erinnern", sagt er. Für die Öffentlichkeit ist derzeit auch pandemiebedingt eine Besichtigung der Räume im Braunen Haus nicht möglich.

Alle Bilder aus dem Keller des "Braunen Hauses:"


Das "Braune Haus" in Karlsruhe


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