Jürgen Stoll
Jürgen Stoll ist Brauchtums-Experte aus Daxlanden und hat eine Sammlung von etwa 200 Faschings-Larven. Hier hält er den Deutschen Michel in der Hand.
Bild: Felix Haberkorn
Mit knapp 300 Jahren ist Karlsruhe eine junge Stadt: "Es ist schwer, in dieser kurzen Zeit Bräuche zu entwickeln"
Karlsruhe
07.07.2019 07:10
Rituale, Bräuche und Traditionen sind ein wichtiger Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Doch im modernen Zeitalter verändern sie sich auch oder sterben gar aus. ka-news.de wirft einen Blick auf die Bräuche und Traditionen in der Stadt Karlsruhe - die mit etwas mehr als 300 Jahren noch recht jung ist.

Viele kennen es: Zu Weihnachten wird ein schöner Baum aufgestellt und festlich geschmückt, die Christmette besucht oder an Heiligabend Würstchen mit Kartoffelsalat gegessen. Bräuche sind in unserer Gesellschaft tief verwurzelt und haben nach wie vor eine große Bedeutung, auch wenn einige von ihnen aussterben.

"Bräuche sind in hohem Maße identitätsstiftend, gerade in unserer schnelllebigen Zeit", erklärt Jürgen Stoll aus Daxlanden, der in Karlsruhe als Brauchtums-Experte gilt. Aus seiner Sicht stellen Bräuche und insbesondere traditionelle Feste einen "Rückzugspunkt" für junge Menschen dar, die beruflich im Ausland waren oder studieren. "Sie können ihren Kindern so zeigen, wo sie herkommen und sich selber mal wieder heimisch fühlen", so der gelernte Versicherungsfachwirt aus Daxlanden.

Jürgen Stoll
Jürgen Stoll ist Brauchtums-Experte aus Daxlanden und hat eine Sammlung von etwa 200 Faschings-Larven. Hier hält er den Deutschen Michel in der Hand. Bild: Felix Haberkorn

Wo aber beginnt Brauchtum und wo Tradition? "Das ist ganz schwierig zu definieren. Bräuche sind ein vielfältiges Feld: Es gibt weltliche, religiöse sowie Handwerksbräuche", erklärt der Brauchtumsexperte gegenüber ka-news.de. "Aber auch Feste und Feiern können Bräuche sein. Bei Festen sehe ich allerdings schon mehr den Bereich Tradition. Bräuche haben noch etwas tiefer verwurzeltes", meint Stoll.

Bräuche dürfen nicht statisch sein

Ein klassisches Beispiel ist für ihn die in vielen deutschen Familien beliebte Gewohnheit, an Weihnachten Würstchen mit Kartoffelsalat aufzutischen. "Das ist für mich persönlich jetzt kein Brauch, sondern mehr eine Tradition, aber es ist in den Brauchtum Weihnachten mit eingebunden. Brauchtum und Tradition bedingen sich also gegenseitig", verrät Stoll.

Für Bräuche ist vor allem eine Entwicklung über die verschiedenen Generationen typisch, wie Stoll erläutert: "Die Volkskunde sagt ganz klar: Bräuche, die statisch sind und sich nicht mehr verändern, die sterben früher oder später."

Junges Karlsruher Brauchtum

Mit knapp über 300 Jahren Geschichte hat es Karlsruhe aus Sicht Stolls schwer, auf wirklich eigene große Bräuche zurückzublicken. So sind viele eher durch Religionen hineingetragen, zum Beispiel St. Martins-Umzüge oder Fronleichnamsprozessionen. Dennoch gebe es laut Stoll auch hier traditionelle Veranstaltungen und Gepflogenheiten.

Jrügen stoll Brauchtum
Einige gesammelte Masken, genauer gesagt Larven, aus dem Besitz von Jürgen Stoll. Bild: Felix Haberkorn

So haben studentische Bräuche aus seiner Sicht für Karlsruhe einen hohen Stellenwert: "Gerade auch weil wir eine der ältesten technischen Hochschulen besitzen, haben wir doch ein sehr altes studentisches Brauchtum. Attribute wie Pauk-Masken des studentischen Fechtens, Studentenmützen oder Bierzipfel sind Zeugen studentischer Bräuche", so Stoll weiter.

Wie sich Bräuche verändern

In seiner Heimat Daxlanden, einem ehemaligen Fischerdorf, ist vor allem das Fischerfest sehr populär. "Früher stand hier immer ein großes Zelt mit 3.000 bis 4.000 Sitzplätzen. Da wurde dann drei Tage lang Fisch gebacken", erläutert der Daxlander.

Er selbst war, wie das gesamte Dorf, auch immer fleißig involviert. "Mein Bruder und ich standen damals mit meinem Vater eine Woche vorher beim Fischerheim und haben Fische geputzt: Aal abgezogen, Zander, Hecht", blickt der Daxlander Brauchtums-Kenner zurück.

Fischerfest Daxlanden
1956: Im Festzelt des Fischerfestes von Daxlanden wird der Fisch zubereitet. Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A4/49/6/20

Doch auch dieser Brauch hat sich über die Zeit gewandelt. Mit dem Abzug der in Karlsruhe stationierten Amerikaner, die das große Zelt sponserten, wurde die Finanzierung des Fischerfestes immer schwieriger. "Eigener Fisch war in der Menge hier auch nicht mehr verfügbar", ergänzt Stoll.

Doch inzwischen hat man das Konzept seiner Aussage nach wieder verändert und das Fischerfest "kleiner gemacht". "Das findet jetzt wieder bei uns unten an den Saumseen statt", erklärt er im Gespräch mit ka-news.de.

Volksfeste, ein ganz eigener Brauch

Definitiv zu einem etablierten Brauch mit langer Tradition zählt das "Lindenblütenfest" auf dem Gutenbergplatz in der Weststadt. 2019 feierte das Fest sein 100-jähriges Jubiläum. "Das ist wirklich eine Hausnummer", betont Jürgen Stoll.

Auch das "Hahnenfest" in Grünwinkel hat Tradition. Seit 1956 vom dortigen Kaninchen- und Geflügelzuchtverein ausgerichtet, werden die Hähnchen nach einer vereinseigenen Gewürzmischung zubereitet. Die Hähnchen wandern dabei an einem dem Paternoster gleichenden Grillgerät von unten nach oben. Eröffnet wird das "Hahnenfest" immer an einem Freitagabend mit traditionellem Fassanstich.

Hahnenfest Grünwinkel
1988: Das Hahnenfest oder auch Hähnchenfest in Grünwinkel. Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A55_204_1_07

Für viele Karlsruher ist inzwischen ohne Zweifel auch die Karlsruher Mess' ein festes Ritual. Auch Stoll stimmt dem zu, sind doch Volksfeste wie die Mess' Brauchtümer, "die sich im wortwörtlichen Sinn das Volk gegeben hat", so der passionierte Brauchtums-Forscher.

Karlsruher Mess'
Ein Blick auf die Karlsruher Fürhjahrsmess' im Jahr 1956. Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A4/45/6/34 A

Im familiären Bereich ist das gemeinsame Backen für viele ein wichtiger Bestandteil. Besonders beliebt sind in den Hardtdörfern laut Stoll sogenannte Gebildbrote, auch als "Springerle" bekannt. "Da wird sich gestritten, ob das etwas Badisches oder eher Schwäbisches ist. 'Springerle' sind ein Anisgebäck, geformt mit einem Holzmodel oftmals aus altem Familienbesitz", erklärt Jürgen Stoll.

Ein alter Backbrauch

Diese Modeln, die oft traditionelle Motive zeigen, werden in einen Teig mit Anis-Samen gedrückt, ausgeschnitten und eine Nacht lang getrocknet. "Danach kommen sie in den Backofen. Der obere Teil ist dabei fest, auf der Unterseite aufgrund des noch weicheren Teiganteiles und des im Teig enthaltenen Hirschhornsalzes entsteht dann das sogenannte Füßchen", erläutert der gelernte Versicherungsfachwirt das Vorgehen.

Daxlander Schlampe
Eine Maske heutiger Daxlander Schlampen, eine Rätsche (Lärminstrument) und sogenannte Scherben, ein Fastnachtsgebäck. Bild: Privat (Jürgen Stoll)

Immer eng mit Brauchtümern verbunden ist auch die Fastnacht, die in Karlsruhe "gar nicht so jung ist", wie Stoll verrät (siehe ka-news Hintergrund). Der Versicherungsfachwirt weiß, wovon er redet, ist er doch Zunftmeister und Mitbegründer der Zunft "Daxlander Schlampen". Für "Die Deutsche Fastnacht", eine Zeitschrift vom Bund Deutscher Karneval schreibt er regelmäßig zur Brauchhistorie, ebenso wie er für die Zeitschrift "Narrio Narro" Beiträge zu Fastnachtsbräuchen verfasst. "Aktuell beschäftigt ich mich mit Joseph Fröhlich aus der Steiermark, einst Hofnarr August des Starken aus Dresden, sowie mit den Karlsruher Majolika-Figuren", erklärt der Brauchtums-Experte. 

Mit Pfannen über den Marktplatz

Auch wenn Bräuche nach wie vor eine gewisse Bedeutung haben und wohl auch weiterhin haben werden, so haben sie es im modernen Zeitalter nicht immer leicht. "Es gibt leider viele Bräuche, die sterben. Es geht immer darum, ob es auch in den nachfolgenden Generationen genügend Begeisterte gibt, die den Brauch weitertragen", so Jürgen Stoll.

Pancake-Race Karlsruhe
1985: Pancake-Race auf dem Karlsruher Marktplatz am schmutzigen Donnerstag. Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A 49_51_5_18

So war bis vor einigen Jahren in Karlsruhe das sogenannte Pancake-Race noch sehr beliebt, welches inzwischen aber auch ausgestorben ist. Veranstaltet wurde es immer am schmutzigen Donnerstag vom Deutsch-Englischen Freundeskreis. "Da sind die dann mit ihren Pfannen auf dem Marktplatz herumgelaufen, bemüht, den darauf liegenden Pfannkuchen nicht zu verlieren. Ein alter englischer Brauch", erinnert sich Stoll.

Vom Hof gejagt, weil Nachbar den Brauch nicht kannte

Auch das in Daxlanden lange gepflogene "Schlampenbrauchtum" ist nahezu ausgestorben. "Es ging dabei um die Vermummung auf einfache Weise. Man hatte in Daxlanden nicht viel an Reichtümern. Da musste auch schon mal ein umgedrehtes Jackett und eine einfache Papplarve, die man im Laden erworben hat, ausreichen", so Versicherungsfachwirt Jürgen Stoll. Die Kinder zogen dabei am schmutzigen Donnerstag von Haus zu Haus.

Daxlander Schlampe
Dieses Bild des Kunstmalers Leo Faller zeigt eine Daxlander Schlampe von 1965. Bild: Privat (Jürgen Stoll)

"Sie haben geklingelt und gerufen 'Kiechle, Kiechle'. Das ist aber dann auch schon in meiner Generation immer weniger geworden. Das ging dann dahin über, dass man stattdessen Süßigkeiten bekommen hat, später waren es 50 Pfennige und dann wurde man davon gejagt, weil man auf ein Grundstück gegangen ist, wo die Leute den Brauch nicht kannten", erzählt Brauchtumsforscher Stoll. Statt nun am schmutzigen Donnerstag um die Häuser zu ziehen, gehen viele Kinder an Halloween in schaurigen Verkleidungen durch die Straßen. "Das eine traditionelle Fest wurde durch ein anderes abgelöst", so der Daxlander.

Bräuche und Traditionen - und insbesondere die Fastnacht - sind für ihn mehr als ein nur ein Hobby, hat er doch in seinem Keller bis zu 200 Larven, also Gesichtsmasken, gesammelt. Seine Familie steht dabei voll und ganz hinter ihm: "Entweder ich zieh aus oder ich mach mit. Ich hab mich fürs Mitmachen entschieden", macht seine Frau Christiane schmunzelnd deutlich.

ka-news-Hintergrund

Die Fastnacht ist nach Stolls Aussage 1823 von Köln "den Rhein hochgeschwappt und war so richtig im Kölner-Mainzer-Stil, also Nachahmung des damaligen Militärs, was an den heutigen Garden in Karlsruhe noch ablesbar ist", so der Daxlander Zunftmeister.

In der Fastnacht kaum wegzudenken sind die Verkleidungen, insbesondere Masken und Larven, wobei hier zu unterscheiden ist: "Die Maske ist die Gesamtfigur einschließlich Larve. Die Larve selbst ist die reine Gesichtsvermummung", erklärt Stoll. Die Larven sollen vor allem zur Sicherung einer Anonymität beitragen, was nach Stolls Auskunft von Fachseite aus auch als "Psychohygiene" bezeichnet wird. "Unter der Maske kann man mal jemand anders sein", ergänzt der leidenschaftliche Fastnachter.

"Es gibt auch Bräuche, wo man seinem Gegenüber die Wahrheit ins Gesicht sagt. "'Narren und Kinder sagen die Wahrheit' ist da ein altbekannter Spruch", meint Stoll. Dieses sogenannte "Strählen", in Daxlanden als "Schlampen" bezeichnet, meint eben das Mitteilen der Wahrheit an seinen Gegenüber mittels Larve. "Man will seinem Gegenüber dessen Schandtaten aus dem letzten Jahr aufzeigen, dabei allerdings unerkannt bleiben", erläutert der Zunftmeister.

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