100 Jahre Nationalversammlung
Badische Vorläufige Regierung 1918/1919.
Bild: Generallandesarchiv Karlsruhe GLA N Geiss Nr. 12
100 Jahre Deutsche Nationalversammlung, 100 Jahre Frauenwahlrecht: Diese Abgeordneten durften Baden im Weimarer Parlament vertreten
Karlsruhe
19.01.2019 07:05
Im November 1918 herrscht in Deutschland Revolution. Der Krieg ist verloren, das Kaiserreich zu Ende und die Republik wird ausgerufen. Die Regierungsgewalt liegt bei den Soldaten- und Arbeiterräten und den provisorischen Regierungen, wie in Karlsruhe. Viele befürchten den Ausbruch eines Bürgerkriegs. Die Weimarer Nationalversammlung, die vor 100 Jahren gewählt wurde, soll entscheiden, wie Deutschland weiterhin regiert wird.

Die Abdankung von Wilhelm II. und die Umstellung der Regierung auf parlamentarische Basis erfüllen manche von den Alliierten verlangten Bedingungen für einen Waffenstillstand. Die reichsweite Wahl für eine demokratisch gewählte Nationalversammlung, die eine neue Verfassung beschließen soll, wird von der provisorischen Regierung in Berlin auf den 19. Januar 1919 festgesetzt.

Nach dem Reichswahlgesetz vom 30. November 1918 ist das Wahlalter vom 25 auf 20 herabgesetzt worden. Auch Frauen dürfen zum ersten Mal am 19. Januar wählen. In der am 14. November ausgerufenen Freien Volksrepublik Baden ist es sogar früher - der Wahltermin für eine Verfassungsgebende Badische Landesversammlung wird auf den 5. Januar festgelegt.

100 Jahre Nationalversammlung
Badische Vorläufige Regierung 1918/1919. Bild: Generallandesarchiv Karlsruhe GLA N Geiss Nr. 12

Zum ersten Mal ziehen Frauen in das Parlament ein

Bei den Wahlen siegen die Zentrumspartei, die Sozialdemokraten und die Deutsche Demokratische Partei, und in Berlin wird die Weimarer Koalition gebildet.

100 Jahre Nationalversammlung
Zweck der Nationalversammlung ist die Verabschiedung einer Verfassung. Bild: gemeinfrei

124 Abgeordnete werden in den Landtag der Republik Baden gewählt, davon sind neun Frauen. Baden stellt 15 der 423 Abgeordneten, darunter 37 Frauen, in die Weimarer Nationalversammlung.

100 Jahre Nationalversammlung
Marianne Weber, Politologe und Deutsche Frauenrechtlerin, Abgeordnete im Landtag der Republik Baden 1919. Bild: gemeinfrei

Zentrumsabgeordneter Konstantin Fehrenbach, 1852 in Südbaden geboren und Anwalt, wird im Juni 1918 zum Reichstagspräsidenten gewählt. Im Januar 1919 kommt er sowohl in die badische als auch in die Weimarer Nationalversammlung, die ihn als Präsidenten weiter anerkennt. Für seine Fähigkeit, zwischen Parteien ausgleichend zu wirken, wird er besonders geschätzt und deshalb als Reichskanzler gewählt - er ist die richtige Persönlichkeit für eine Koalitionsregierung.

Schutz der Demokratie und ein politisch motivierter Mord

Fehrenbachs wichtigste Aufgabe als Kanzler ist die Erfüllung des Versailler Vertrages - dabei kämpft er um Themen wie die Verringerung des Heeres und die Höhe der Reparationszahlungen. Im Mai 1921 tritt er vom Amt zurück, bleibt aber politisch aktiv. 1923 übernimmt er den Vorstand des "Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" und unterstützt 1924 die Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, eines politischen Wehrverbandes zum Schutz der demokratischen Republik. Er stirbt 1926 in Freiburg.

100 Jahre Nationalversammlung
Constantin Fehrenbach aus Baden, Reichskanzler und Abgeordnete der Weimarer Nationalversammlung. Bild: Generallandesarchiv Karlsruhe GLA 231 Nr 2937 (610)

Carl Diez, geboren 1877 und Zentrumspolitiker aus Radolfzell, vertritt den Wahlkreis Konstanz in der Weimarer Nationalversammlung. Er ist Präsident des katholischen Männervereins in Baden und der Zentralstelle für das deutsche Transport- und Verkehrsgewerbe. Diez ist mit Matthias Erzberger, dem Leiter der Waffenstillstandskommission 1918, eng befreundet. Als Erzberger 1921 von Rechtsradikalen im Schwarzwald ermordet wird, ist Carl Diez dabei und wird durch Schüsse schwer verletzt.

NS-Regime verfolgt die Abgeordneten

Bis 1933 ist Diez Abgeordneter des Reichstags in Berlin. Unter dem Nazi-Regime wird er aus politischen Gründen mehrmals verhaftet und in Schutzhaft genommen. Die Nazis entheben ihn aller seiner Ämter. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 soll Diez auch ins KZ Dachau; dies wird jedoch durch die Intervention seines Sohnes, des Anwalts Theopont Diez verhindert. Nach dem Krieg gehört Diez dem Radolfzeller Gemeinderat an und wird 1946 badischer Landwirtschaftsminister. Er stirbt 1969.

Das Präsidium der Deutschen Nationalversammlung: Hermann Dietrich; Konrad Haussmann, Eduard David, Konstantin Fehrenbach (v.l.n.r.) Bild: Bundesarchiv Bild 183-2005-0901-508 (gemeinfrei)

Die badischen Abgeordneten in der Weimarer Nationalversammlung Oskar Trinks und Leopold Rückert werden auch wegen ihrer politischen Tätigkeiten in der Weimarer Republik unter dem NS-Regime verfolgt. Trinks, Jahrgang 1873, vertritt im Januar 1919 den Wahlkreis Baden. 1928 kommt er in den Badischen Landtag, dem er bis 1933 angehört. Im März und April 1933 wird er im KZ Kislau gefangengehalten und bis 1945 noch drei Mal verhaftet. Er arbeitet später am Aufbau der Tübinger Ortskrankenkasse und stirbt 1952.

Von der badischen Regierung in die Nationalversammlung

Leopold Rückert wird 1881 in Karlsruhe geboren und 1918 Verkehrsminister in der vorläufigen badischen Regierung. Von 1919 bis Januar 1921 führt er das Arbeitsministerium des Landes Baden. Rückert wird in die Weimarer Nationalversammlung für den Wahlkreis Baden gewählt und arbeitet bis 1933 im Badischen Landtag. Im Frühjahr 1933 wird er von den Nationalsozialisten verhaftet und monatelang in Schutzhaft in Karlsruhe gehalten. Nach seiner Freilassung zieht er sich zurück und stirbt 1942 an einem Herzinfarkt, den er nach einem Verhör durch die Gestapo erlitt. Vor seinem Haus in der Ettlinger Straße gibt es einen Stolperstein.

100 Jahre Nationalversammlung
Stolperstein Leopold Rückert, vor seinem Haus in der Ettlinger Straße 45, Karlsruhe Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Zentrumspolitiker Joseph Wirth wird 1879 in Freiburg geboren und vertritt den Wahlkreis Baden 1919 in der Weimarer Nationalversammlung. 1918 ist er auch badischer Finanzminister und später Reichsfinanzminister. Nach dem Rücktritt seines badischen Kollegen Fehrenbach übernimmt Wirth vom Mai 1921 bis November 1922 das Amt des Reichskanzlers der Weimarer Republik.

100 Jahre Nationalversammlung
Die weiblichen Abgeordneten der Mehrheitssozialisten (MSDP) in der Weimarer Nationalversammlung am 1. Juni 1919- Bild: Horst Ziegenfusz/ Historisches Museum Frankfurt (gemeinfrei)

Als Gegner der nationalsozialistischen Ideologie emigriert Wirth 1933 in die neutrale Schweiz, von wo aus er nach Frankreich, Großbritannien und USA reist, um Gespräche mit leitenden Staatsmännern zu führen. 1949 kehrt er nach Deutschland zurück. Die Bundesrepublik jedoch verweigert ihm aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Kommunisten eine Rente. Wirth bekommt von der DDR Finanzhilfe, die Deutsche Friedensmedaille der DDR und den Stalin-Friedenspreis. Er stirbt 1956 in Freiburg.

Mehr zum Thema:
Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

Haben Sie eine Anregung, Fragen zu einem alten Gebäude oder können uns etwas über das frühere Karlsruhe erzählen? Dann schreiben Sie uns per Mail oder per ka-Reporter-Formular. Wir freuen uns auf Ihre Geschichten!

0 Kommentare
Sie dürfen noch Zeichen schreiben
Hinweis:
Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder. Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!