Wie sieht Karlsruhes Zukunft aus? Das Räumliche Leitbild will Antworten geben...
Bild: Needham/Büro MESS
Neue Wohnquartiere, Bahnlinien und Gewerberäume - wie sich Karlsruhe entwickeln soll
Karlsruhe
03.04.2018 06:35
Wo sollen neue Wohnviertel, Gewerbegebiete oder Grünflächen entstehen? Wie sieht das urbane Leben in einigen Jahren aus? Was passiert mit dem Verkehr? Welche Rolle spielt das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit? Und wie wird die Stadt von Besuchern wahrgenommen? Um diese Fragen zu beantworten und den städtischen Wandel in zielgerichtete Bahnen zu lenken, gibt es in Karlsruhe ein "Räumliches Leitbild". Wir haben uns die Karlsruher Zukunft mal genauer angeschaut und einige spannende Projekte entdeckt.

In den städtebaulichen Überlegungen sind beispielsweise die künftige Gestaltung von Stadtteilen enthalten: Zwei Architektenbüros analysierten ausführlich den Norden und Süden der Stadt und erarbeiteten Gestaltungsvorschläge hinsichtlich Gewerbe, Wohnen, Naherholung, Landschaft und Verkehr. Ein Vorschlag: Der Messplatz könnte sich künftig in der Nähe des Hauptbahnhofs befinden und die Fläche, wo derzeit die Schausteller zum Rummel einladen, mit Wohn- und Gewerberäume bebaut sein.

Räumliches Leitbild Übersicht
Der gesamte Raum - Entwicklungsziele in der Stadt Bild: berchtoldkrass, UC Studio S.US

Weitere Überlegungen sind Schaffung neuer Wohnquartiere - ähnlich der heutigen Südstadt-Ost. Im Norden der Stadt an der Durlacher Allee, Höhe Weinweg, wo sich heute Kleingärten und ESG Frankonia befinden, könnte - so das Räumliche Leitbild - das neue "Karlsruher Seenviertel" entstehen. Doch dazu an anderer Stelle mehr. Fangen wir von vorne an - woher kommen die ganzen Gestaltungsvorschläge und unter welchen Kriterien wurden sie entwickelt?

Was ist das Räumliche Leitbild?

16 Vorhaben, 7 Stoßrichtungen und 3 Vertiefungsbereiche hat die Stadt Karlsruhe im Räumlichen Leitbild festgehalten. Sie beschreiben strategische Ziele und konkrete Vorhaben. Die Hauptthemen, mit denen sich das Räumliche Leitbild beschäftigt sind die Punkte Wohnen, Arbeiten, Freiraum, Klima und Mobilität.

Karten des Planerteams aus der ersten Etappe "Räumliches Leitbild 2015". Bild: (mm)

Die Stoßrichtungen sind die formulierten strategischen Ziele: "Sie bringen die wichtigsten Themen für die Zukunft Karlsruhes auf den Punkt und heben die Stärken der Stadt in Form klarer Zielsetzungen hervor", steht im Räumlichen Leitbild weiter geschrieben. Und das sind sie:

  • Klare Konturen - Leitmotiv für die räumliche Stadtentwicklung
    Wo beginnt Karlsruhe, die Stadt bekennt sich zu einer klaren Linie: Die Einfahrt der Stadt soll so gestaltet werden, dass sie eine gute Orientierung bietet
    Ziele: Wachstum der Stadt innerhalb dieser Konturen und Stadteingänge/Korridore unverwechselbar gestalten. Übergänge zwischen Stadt und Landschaft ausbilden und ästhetisch aufwerten. So lassen sich Flächen für Wohnen und Arbeiten identifizieren, die Karlsruhe dringend braucht. 
  • Grüne Adressen - Die Stadt in der Landschaft
    Durch Hardtwald schneller Zugang zur Landschaft, Stadt und Wald koexistieren. Mit dem Projekt Landschaftspark Rhein wird Karlsruhe an den Rhein angeschlossen.
    Ziele: Weiterentwicklung des Rheinparks als Erholungs- und Erlebnisraum, Schaffung neuer Zugänge zum Rhein. Ausgestaltung von Hardt- und Oberwald als Naherholungsgebiete und bessere Verknüpfung ökonomischer und ökologischer Belange.
  • Starke Mitte - Mehr Karlsruhe für Karlsruhe
    Attraktivität als Wirtschaftszentrum bewahren und ausbauen, Kriegsstraße als Barriere Richtung Süden überwinden (Kombilösung) und Potential des Hauptbahnhofs nutzen. 
    Ziele: Innenstadt nach Süden erweitern, "Boulevards von Morgen" ausbauen, das Bahnhofsquartier als Stadteingang entwickeln und die Innenstadt als Ort der Identifikation, Integration und Publikumsmagnet. 
  • Mehr Wohnen - Karlsruhe wächst mit inneren Werten
    Bis 2030 fehlen rund 20.000 Wohneinheiten, Reserve in der Nord- und Nordweststadt und Neureut, der Umbau kann neue Nachbarschaften entstehen lassen.
    Ziele: Vorhandene Quartiere anpassen und weiterentwickeln, neue Quartiere entwickeln, "Oststadt Plus" als Stadtviertel und Labor für die Durchmischung von Forschung, Technologie und Lebensraum weiterdenken. Wachstum auffangen. 
  • Coole Quartiere - Klimaanpassung geschieht im Quartier
    Immer mehr Hitzeperioden machen mehr Flächen für Kühlung notwendig, bei Neubauten keine "Hitzeinseln" entstehen lassen, maßgeschneiderte Klimaanpassung. 
    Ziele: Öffentlichen Raum kühlen und verschatten, Kaltluftleitbahnen sichern, bei der Entwicklung neuer Flächen Klimaanpassung einplanen und neue Energieversorgung mitdenken. 
  • Dynamisches Band - Verbindungen und Wachstumspole für Gewerbe
    Gewerbegebiete sind das Rückgrat Karlsruhes und Wachstumspole der Zukunft, Bereich entlang der Südtangente und der Bahn ergibt eine verbindende Struktur mit guter Erreichbarkeit und bietet genug Platz für überraschende Neuentwicklungen. Kaum freie Gewerstandorte in der Fächerstadt.
    Ziele: Potentiale an Stadteingängen nutzen, bestehende Flächen und Reserven aktiv entwickeln, Stadtbahn mit multimodalem Knoten zum Straßenbahnnetz weiterdenken. Nischen erkennen um Kleingewerbe und Start-ups zu fördern. 
  • Urbane Nähe - Neue Wege der Erreichbarkeit
    Karlsruhe ist eine der Mobilitätshauptstädte Deutschlands, jeder soll innerhalb kurzer Zeit die Einrichtungen des täglichen Bedarfs gut erreichen, wenn nicht braucht es neue Verbindungen.
    Ziele: Ausbau der Fahrrad- und Fußwegnetze, Stadtbahn- und Straßenbahnhalte mit zusätzlichen Mobilitätsformen verknüpfen, Verbindung von Orten der Nahversorgung und sozialen Infrastrukturen um neue Treffpunkte im Quartier zu schaffen. 

Konkretisiert werden die sieben Stoßrichtungen in 16 Vorhaben und drei sogenannten Vertiefungsbereichen. Die Vertiefungsbereiche beziehen sich auf langfristige Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt im Norden (Nord-West, Nord-Ost) und Süden. Sie sind stadtplanerische Untersuchungen von unterschiedlichen Architektenbüros.

Konkrete Vorhaben

Die Vorhaben sind hingegen konkrete Ziele der Stadt. Sie sind teilweise bereits in Vorplanung -  wie "Stadteingänge inszenieren" an der Durlacher Allee oder die "Zukunft der Innenstadt" mit dem Umbau des Staatstheaters. Andere Vorhaben werden aktuell umgesetzt, wie der Abriss der Kleingärten an der Stuttgarter Straße und der Umzug der ESG Frankonia.



So werden die Kleingärten entlang der Stuttgarter Straße neu angeordnet. Sie finden sich räumlich im Bahnhofsquartier "Neuer Tivoli", welcher einer von mehreren Teilräumen des Vertiefungsbereichs Süd ist und dessen Umgestaltung im Rahmenplan festgehalten ist. Wie das neue Quartier aussehen könnte, zeigt ein Plan aus dem Jahr 2016.

Räumliches Leitbild Neuer Tivoli
Bahnhofsquartier Neuer Tivoli Bild: berchtoldkrass, UC Studio, S.US

Wer hat das Räumliche Leitbild entwickelt?

Das Räumliche Leitbild ist keine reine Kopfgeburt der städtischen Verwaltung - vielmehr wurde es über mehrere Jahre in Zusammenarbeit mit Bürgern, verschiedenen Gremien und der Verwaltung entwickelt. Es ist weiterhin ein fester Bestandteil des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts "Karlsruhe 2020" (ISEK 2020).

Den Anfang nahm der Prozess im Jahr 2013. Im Rahmen einer Voruntersuchung wurden damals zehn Fragen (wie "Wo fängt Karlsruhe an?" oder "Wie nahe kommt Karlsruhe dem Rhein?") an Karlsruhe erarbeitet, die in einer Ausstellung ("Die Stadt neu sehen") sich mit den räumlichen Zukunftsoptionen von Karlsruhe beschäftigen.

Mit "zehn Fragen an Karlsruhe" wurde 2013 unter anderem in Form einer Ausstellung eine Voruntersuchung für das Räumliche Leitbild gestartet. Bild: ka-news

In Arbeitsgruppen und Planungsswerkstätten wurden die Ideen zu einem ersten Entwurf für das Leitbild ausgearbeitet. Er wurde im gleichen Jahr im Rahmen einer Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt. Dort konnten sich die Bürger der Fächerstadt auch mit eigenen Ideen und Anregungen einbringen. Im Anschluss daran wurden die Ziele konkretisiert. Zum Schluss wurde das Räumliche Leitbild Ende 2016 vom Gemeinderat verabschiedet und dient seither als verbindlicher Rahmenplan



Die Aufgaben des Räumlichen Leitbilds

Heute füllt das Konzept zur städtischen Entwicklung mehr als 140 Seiten. Die Aufgaben des Räumlichen Leitbilds sind vielfältig: 

  • Die räumliche Entwicklung soll gelenkt und koordiniert werden
  • Einordnen von Prioritäten
  • Grundlage für Fortschreibung verbindlicher Planwerke
  • Formulierung von Leitlinien sowie Bildung eines Rahmens für Wettbewerbe
  • Grundlage für politische Entscheidungen
  • Qualität der baulichen Entwicklung sichern

Welche Ziele hat das Leitbild?

Das Räumliche Leitbild definiert, wo und wie sich die Stadt weiterentwickeln kann und sollte. Gleichzeitig dient es der Stadt als Orientierung - so hat Karlsruhe auch die wichtigsten Aufgaben der definiert, die da lauten:

  • neuen Wohnraum bereitstellen
  • zukunftsweisende Arbeitsstandorte sichern
  • Freiräume auswerten und stärken
  • Prinzip der kurzen Wege weiter verfolgen ("5-Minuten-Stadt"), äußere und innere Konturen sichtbar und erlebbar machen

Und wie geht's jetzt weiter?

Für die Planer und Verantwortlichen der Stadt ist vor allem wichtig, dass das Räumliche Leitbild kein abgeschlossener Plan ist. Es ist ein Rahmenplan und für die künftige räumliche Entwicklung der Stadt wegweisend, aber dennoch flexibel. "Korrekturen und Anpassungen sollen in bestimmten Zeitabständen vorgenommen werden, um veränderte Rahmenbedingungen und neue Aufgaben zu berücksichtigen", heißt es im Leitbild weiter.

Karlsruhes Zukunft unter der Lupe

ka-news widmet sich Karlsruhes Zukunft: Wir stellen in unseren neuen Dossier "Stadtentwicklung" das Räumliche Leitbild und darin enthaltene Projekte näher vor. Was ist der aktuelle Stand bei den konkreten Vorhaben - wo entstehen neue Quartiere und welche Teilräume werden entwickelt? Welche Ideen können sich durchsetzen, was wird vielleicht verworfen und wie verändert sich die Stadt für den einzelnen Bürger in Bezug auf Wohnen, Verkehr und Lebensqualität?

Was interessiert Sie rund um das Räumliche Leitbild? Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anmerkungen hier in den Kommentaren, per ka-Reporter-Formular oder per Mail an redaktion@ka-news.de.

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