Bild: cob
Mehr Fahrrad-Polizisten: "Können nicht jedem Radfahrer mit Signalton und Blaulicht hinterherjagen"
Karlsruhe
29.06.2020 06:00
"Wenn sich jeder an die Regeln hält, dann kann so gut wie nichts passieren", sagt Polizeidirektor Martin Plate im Gespräch mit ka-news.de. Doch leider ist das keine Realität auf Karlsruhes Straßen: Radfahrer fahren bei Rot oder auf der falschen Seite - Autofahrer überholen ohne ausreichend Abstand oder nehmen die Vorfahrt: Jeder kann Verstöße aus dem täglichen Leben aufzählen und so das Feindbild Auto versus Fahrrad weiter bestärken. Hilfreich ist das nicht.

Vielmehr sollten alle Verkehrsteilnehmer mehr Rücksichtnahme, Ruhe und gegenseitiges Verständnis aufbringen. "Man muss sich einfach im Klaren sein, wie viel Leid durch einen unbedachten Moment entstehen kann", so Polizeidirektor Martin Plate im Gespräch mit ka-news.de. Er ist Leiter der Verkehrsinspektion Karlsruhe und erläuterte am vergangenen Mittwoch die Notwendigkeit der neue Schwerpunktsetzung auf Fahrradkontrollen.

Den Fokus werden die Beamten auf Rotlichtverstöße und falschen Nutzen von Flächen, sprich Fahren auf dem Gehweg oder in der falschen Richtung, legen. "Klar muss der Autofahrer auch darauf achten, wenn er zum Beispiel aus der Einfahrt fährt, aber er rechnet nicht damit", so Plate, "hier bringt sich der Radfahrer unnötig in Gefahr."

Häufigste Unfallursachen

Unabhängig von alleinbeteiligten Stürzen sind sie neben Vorfahrtsmissachtung die häufigsten Ursachen bei Unfällen mit beteiligten Radfahrern. 221 Unfälle hat es von Januar bis Mai 2020 im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe gegeben: "Etwas mehr als die Hälfte wurde durch die Radfahrer verursacht", so Plate.

"Unter diesen ist aber auch ein Teil dabei, bei welchen die Unfallursache ein selbstverschuldeter Sturz war." Zirka 17 bis 20 Prozent stürzen Radfahrer allein beteiligt. Hier hat sich der Radfahrer nicht zwingend verkehrswidrig verhalten, sondern ist weggerutscht, in die Straßenbahnschienen geraten oder ähnliches.

Vier Radunfälle mit Todesfolge

Im aktuellen Jahr 2020 sind vier Radfahrer im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe zu Tode gekommen: Die Ursachen sind unterschiedlich. Im Karlsruher Stadtgebiet endete der Unfall mit einer Straßenbahn tödlich, im Landkreis stürzten zwei Radfahrer vermutlich aufgrund internistischer Notfälle ohne Fremdeinwirkung und erlagen ihren Verletzungen.

Gibt es in Karlsruhe besonders gefährliche Kreuzungen für Radfahrer? An einer solchen Erhebung arbeitet die Polizei Karlsruhe aktuell - Ergebnisse will man noch dieses Jahr mitteilen. "Wir sind dran und wollen das noch etwas genauer untersuchen", so Plate. Es ist davon auszugehen, dass die Beamten künftig an potentiellen Unfall-Hotspots stehen werden - an Stellen, "die kontrollwürdig sind".

Abstandsregeln sorgen für subjektive Sicherheit

Wenn der Autofahrer Verursacher ist, sind die Unfallursachen häufig Vorfahrt- oder Vorrangmissachtung oder ein Übersehen. Seltener ist mangelnder Abstand der Grund. "Das können wir - zumindest zahlentechnisch - nicht belegen."

Die neue Novelle der Straßenverkehrsordnung (am 28. April in Kraft getreten) schreibt beim Überholen von Radfahrern durch Autofahrer einen Abstand von 1,50 Meter inner- und zwei Metern außerorts vor.

Aber die Regeln haben dennoch ihre Berechtigung, betont Plate: Es bleibt ein wichtiger Aspekt für die subjektive Sicherheit, denn "natürlich möchte niemand von einem Lkw überholt werden, der 50 Zentimeter an einem vorbeifährt". 

Mehr Rücksichtnahme, weniger Hektik

Grundsätzlich sieht er die Lösung für ein unfallfreies Miteinander auf Karlsruhes Straßen in einer Sache: Mehr Rücksichtnahme. Morgen sitze man vielleicht nicht hinter dem Steuer, sondern selbst im Radsattel und möchte die gleiche Rücksichtnahme von einem anderen Autofahrer. Genauso muss dem Radfahrer klar sein: Der Autofahrer hört das herannahende Rad nicht und er sieht es unter Umständen auch nicht.

Bild: cob

"Man muss mit den Fehlern von anderen rechnen und sich selbst nicht durch dumme Missachtungen in Gefahr bringen und am Ende über den anderen schimpfen." Sein Tipp: "Einfach nochmal durchschnaufen und sich etwas mehr Zeit nehmen, nicht so viel Hektik - denn eine Sekunde auf die andere kann das ganze Leben verändern. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen."

Wenn die Polizei drei Wünsche frei hätte, was Rad- und Autofahrer an ihrem Verhalten ändern sollten - was wäre das? "Das ist relativ einfach mit einem Wunsch gesagt: Wenn sich jeder an die Regeln hält, dann kann so gut wie nichts passieren."

Warum muss so viel kontrolliert werden?

Da dies aber leider nicht der Fall ist, setzt die Polizei jetzt auf Fahrradstreifen. Die zweirädrigen Polizeistreifen haben einen Vorteil: Sie können individueller eingreifen als ihre Kollegen im Streifenwagen. 

Diese befinden sich bei der Beobachtung von Verkehrsverstößen durch Radfahrer unter Umständen in einer misslichen Lage: "Man kann nicht jedem Radfahrer mit Sondersignal und Blaulicht hinterherjagen." Für weitere Beobachter mag die Situation schwer nachvollziehbar sein - sie denken sich wohl zu Recht "verdammt, der fährt bei Rot und da steht die Polizei und macht nichts". "Das ist eine ganz doofe Situation, aus der kommt man oft nicht raus", so Plate.

Bild: cob

Hier sollen künftig die Streifen auf zwei Rädern - entweder Fahrrad oder Motorrad - Abhilfe schaffen. Sie sind flexibler: "Da ist das (Motor)Rad eine gute Lösung", so Plate. 

Man bittet um Verständnis für die Polizeikontrollen - natürlich wolle man nicht, dass sich die Bürger bei Gurt-,  Handy- oder Radkontrollen wie Kriminelle vorkommen, aber die Strenge sei notwendig. "Wenn wir das regelkonforme Verhalten nicht immer wieder einfordern, dann wird es auch nicht gemacht."

Mehr zum Thema:
Auf dem Sattel durch die Fächerstadt: Die neuesten Fahrradstraßen, die schnellsten City-Routen und viele weiteren Tipps und Tricks rund ums sichere Radeln in Karlsruhe.

Es ist nicht mehr möglich, Kommentare zu diesem Artikel zu verfassen.
28 Kommentare