Wie ist die aktuelle Corona-Situation einzuschätzen? ka-news.de hat Michael Elgas, Virologe aus Karlsruhe, gefragt.
Bild: Elgas/ka-news.de
Nachgefragt beim Experten: Wie geht es weiter mit der Corona-Pandemie?
Karlsruhe
10.07.2020 18:19
Niedrige Infektionszahlen und Lockerungen der Beschränkungen: Die Corona-Pandemie scheint fürs erste gebannt. Dürfen die Bürger nun wieder Aufatmen oder handelt es sich bei der aktuellen Lage um die Ruhe vor dem Sturm? Wie wahrscheinlich eine zweite Infektionswelle ist und was die aktuellen Zahlen bedeuten - den Sachstand im Überblick.

Rappelvolle Innenstädte, geöffnete Eisdielen und eine beginnende Urlaubssaison: Dank konstant niedriger Infektionszahlen lässt sich die Politik zu immer neuen Lockerungen durchringen. Unterdessen rückt das Bewusstsein über die Risiken der Corona-Pandemie immer mehr in den Hintergrund. Wie ist die aktuell ruhige Lage zu bewerten?

In den Kliniken ist es ruhiger geworden, die erste Infektionswelle ist abgeflacht. Bild: Thomas Riedel

1. Status quo: Wie weit ist der nächste Shutdown entfernt?

Ein guter Anhaltspunkt im Corona-Zahlenwirrwarr ist die von Bund und Ländern definierte "kritische Marke": Sollten sich innerhalb einer Woche über 50 von 100.000 Menschen mit dem Virus infizieren, droht der nächste Shutdown. In Fachkreisen wird die Kennzahl "7-Tage-Inzidenz" genannt.

Dieser Punkt liegt aktuell in weiter Ferne. Während der Wert deutschlandweit 2,9 beträgt, liegt er für die Stadt Karlsruhe sogar nur bei 1,6 (Stand: 10. Juli). Als besonders gut sticht in der Statistik der Landkreise hervor. Mit 0,2 unterschreitet er den bundesweiten Durchschnitt um ein Vielfaches.  

 

 

Das bedeutet, die allermeisten Corona-Tests in der Region fallen derzeit negativ aus. Das bestätigt Virologe Michael Elgas vom Karlsruher Labor Volkmann: "Die Positivitätsrate in unserem Einsenderkollektiv liegt aktuell unter 0,4 Prozent". Unter diesem schon niedrigen Wert sind auch Folgetests bereits festgestellter Infektion mit eingerechnet.

2. Lokale Ausbrüche und die Gefahr einer zweiten Infektionswelle

Obwohl die Zahlen insgesamt ein sehr positives Bild zeichnen, verdeutlichen lokale Ausbrüche immer wieder die Bedrohung der Pandemie. "Jederzeit kann uns eine weitere Infektionswelle treffen", sagt Experte Michael Elgas. Eine entspannte Infektionslage könne sich rasch in das Gegenteil umkehren.

Michael Elgas, Virologe des Karlsruher Labors "Volkmann". Bild: Elgas

Kann eine Herdenimmunität das Corona-Virus zum Stoppen bringen? Bevor dieses Szenario eintritt, müssten sich rund zwei Drittel der Bevölkerung mit Covid-19 infiziert haben. Während zu Beginn der Pandemie dies immer wieder zur Sprache kam, ist es still geworden rund um den Gedanken der Herdenimmunität

"Selbst wenn eine durchgemachte Corona-Infektion überhaupt eine belastbare Immunität hinterlassen sollte, ist eine Herdenimmunität in Deutschland aufgrund der niedrigen Fallzahlen derzeit nicht anzunehmen", erklärt Elgas. Aktuell zählt die gesamte Republik knapp 200.000 Fälle. Bei 83 Millionen Einwohnern liegt der Anteil der Infizierten demnach lediglich bei 0,25 Prozent. Selbst die optimistischsten Dunkelziffern lassen eine Hoffnung auf Herdenimmunität aktuell nicht zu. 

3. Wie ansteckend ist das Virus?

Wie infektiös ein Erreger ist, wird daran gemessen, wie viele weitere Menschen ein Erkrankter ansteckt. Für das Corona-Virus wird diese Zahl vom Robert Koch-Institut auf zwischen 2,3 und 3,3 geschätzt. Zum Vergleich: Bei Masern liegt dieser Wert zwischen 12 und 18.

 

Beim Corona-Virus gibt es allerdings eine Besonderheit: sogenannte Superspreader. "Man, weiß, dass einige Menschen das Virus besser verbreiten können als andere", sagt Karlsruher Virologe Michael Elgas. Wie stark sich dieses Phänomen auf das Pandemiegeschehen auswirkt, sei derzeit Gegenstand vieler Erhebungen.

Ziel ist, die sogenannte Reproduktionszahl auf unter 1 zu senken. Dann steckt ein Erkrankter im Schnitt weniger als eine weitere Person an und die Krankheit kommt zum Erliegen. Dieser Wert unterliegt starken Schwankungen und wird derzeit für Deutschland im Mittel auf etwa 0,8 geschätzt (Stand: 7. Juli).

4. Wie viele "stumme" Verläufe gibt es?

Keine Symptome und dennoch die Krankheit durchlebt? Stumme Verläufe werden auf Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht als häufig eingeschätzt. "Es wird angenommen, dass etwa 81 Prozent der diagnostizierten Fälle einen milden, 14 Prozent einen schweren und 5 Prozent einen kritischen Krankheitsverlauf zeigen", schreibt das RKI. Zu diesem Ergebnis kam eine chinesische Studie, die über 72.000 Fälle unter die Lupe nahm.

Ein Mitarbeiter hält in einem Abstrichzentrum einen Coronatest-Abstrich in der Hand. Bild: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

5. Ist die Maskenpflicht noch notwendig?

Die Maskenpflicht abschaffen - dieser Vorstoß aus Mecklenburg-Vorpommern hat bundesweit für eine hitzige Diskussion gesorgt. Die Entscheidung der Gesundheitsminister der Länder fiel jedoch eindeutig aus: Beim Einkaufen bleibt eine Gesichtsbedeckung weiterhin Pflicht.

(Symbolbild) Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Diese Ansicht unterstützt auch der Karlsruher Virologe Michael Elgas: "So lästig die Maske auch ist, sie hat ganz sicher dazu beigetragen, die Situation in Deutschland zu beruhigen." Sollten die Fallzahlen weiterhin so niedrig bleiben, könnte ein Ende der Maskenpflicht längerfristig in Sicht sein. Doch: "Diese Entscheidung sollte nur in engem Schulterschluss mit den Gesundheitsbehörden getroffen werden."

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