(Symbolbild)
(Symbolbild)
Bild: Michael Reichel/Archiv
Lesbische Karlsruherin: "Unsere Familie ist nicht weniger wert"
Karlsruhe
31.03.2014 00:03
192.450 Unterstützer hat die Online-Petition unter dem Titel "Zukunft - Verantwortung - Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens". Die Pläne der baden-württembergischen Landesregierung, das Thema Homosexualität und alternative Lebensformen in den Bildungsplan zu integrieren, sorgte für großen Aufruhr. Einen Aufruhr, den die Karlsruherin Susanne Schmidt nicht verstehen kann. Sie ist lesbisch und hat einen Sohn, für den sie sich wünscht, er würde nicht bloß das "Standardbild" in der Schule lernen - das sei für viele Kinder realitätsfern.

Ihr Sohn geht in die erste Klasse. Susanne Schmidt wünscht sich, dass die Gegner des Bildungsplans ihre Energie mehr in die Unterstützung der Schulen stecken würden, anstatt sie damit zu verschwenden, gegen andere Lebensformen vorgehen zu wollen. Landauf, landab wettern Eltern gegen eine mögliche "Indoktrination" ihrer Kinder. Für Schmidt hat das alles jedoch nichts mit Indoktrination zu tun.

Im Bildungsplan 2015 wird unter anderem auch das Thema Homosexualität und alternative Lebensformen thematisiert, welches in der Schule behandelt werden soll. Wie stehen Sie allgemein zu dieser Idee?

Ich stehe der Idee absolut positiv gegenüber. Es ist wichtig, den Kindern auch außerhalb des Elternhauses zu vermitteln, welche Lebensformen es gibt und dass alle gleichwertig sind. Täte man dies nicht, würde man die Kinder abseits der Realität in einem utopischen Raum aufwachsen lassen. Auch alleinerziehende Eltern oder Patchworkfamilien kommen ja in den Schulbüchern noch nicht oft vor - der Klassiker ist oft noch die Familienkonstellation: Papa, Mama, Kind, was als "Standard" bei den Kindern vorausgesetzt wird. Dieses Bild einer "Normalfamilie" entspricht jedoch nicht den wirklichen Lebenserfahrungen der meisten Kinder.

Der Gegenwind gegen diesen Plan ist groß. Es gibt sogar eine Petition dagegen. Können Sie den Aufruhr verstehen?

Nein, kann ich nicht. In einer aufgeklärten Gesellschaft wie der unseren sollte es als selbstverständlich angesehen werden, dass ab und zu schulische Lehrpläne der Realität angepasst werden. Homophobie hat etwas mit Angst zu tun. Die homophoben Reaktionen zeigen, wieviel Angst vor dem "Unbekannten" noch vorhanden zu sein scheint. Ein weiterer Grund für die Bildungsplanreform.

Trifft Sie das persönlich, vor allem auch die Art, wie mit dem Thema in der Öffentlichkeit umgegangen wird?

Ja, ich lebe seit Jahren offen lesbisch - sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich. Ich habe und hatte bisher das Glück, dass ich selten offen aufgrund meiner Homosexualität angefeindet wurde, aber ich weiß auch, dass das durchaus nicht die Regel ist. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass es in Bezug auf das Thema Homosexualität in Deutschland nach vorne geht, dies spiegelt eigentlich auch mein persönliches Umfeld wieder und das besteht zum großen Teil aus Heterosexuellen. Ich habe eigentlich auch langsam keine Lust mehr, immer wieder neu zu erklären, warum ich nicht so lebe wie sie. Bildung ist auch öffentlicher Auftrag, da nehme ich die Schulen in die Pflicht. Ich will niemandem meine Lebensweise aufzwängen, aber ich wehre mich vehement dagegen, wenn meinem Sohn "beigebracht" werden soll, dass unsere Familienkonstellation weniger wertvoll ist als die von seinen Freunden, die bei heterosexuellen Eltern aufwachsen.

Was würden Sie Gegnern gegen diesen Plan beziehungsweise den aufgescheuchten Bürgern gerne sagen?

Es geht nicht darum, dass den Kindern zukünftig im Unterricht irgendwelche Sexualpraktiken "beigebracht" werden sollen, sondern darum, dass den Kindern frühzeitig aufgezeigt wird, dass es eben verschiedene und vor allem gleichwertige Lebensformen in unserer Gesellschaft gibt. Und dass den Kindern als moralischer Wert vermittelt wird, dass es eben absolut nicht okay ist, wenn Klassenkameraden gemobbt werden, weil sie schwul sind, im Rollstuhl sitzen, zu dick sind oder ähnliches. Es muss dahin kommen, dass nicht diejenigen, die gemobbt werden, ausgegrenzt und alleine gelassen werden, sondern diejenigen, die mobben sollen zur Rechenschaft gezogen werden - egal in welcher Form gemobbt oder diskriminiert wird. Es muss ganz klar gesagt werden, dass es nicht in Ordnung ist, wenn man jemanden aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner sexuellen Orientierung fertig macht. Es gibt dafür keine Entschuldigung, keine Akzeptanz und keine Toleranz in unserer Gesellschaft - zumindest nicht in einer Gesellschaft, in der ich leben möchte.

Vor Kurzem landete ein Flugblatt in Ihrem Briefkasten, das in Bezug auf den Bildungsplan von Indoktrination spricht und Homosexuelle in Verbindung mit Pädophilen stellt. Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich war wütend und entsetzt. Nicht nur, dass der Absender zu feige war, hier wirklich eine Angabe zu machen, wer er eigentlich ist, sondern auch über die pseudowissenschaftlichen Aussagen im Flugblatt. So lange Pädophilie noch immer in vielen Köpfen als erstes mit Homosexualität in Verbindung gebracht wird, ist noch viel zu tun. Es gibt sicherlich statistisch belegbar mehr heterosexuelle Pädophile als homosexuelle - wobei hier beides gleichermaßen schlimm ist und gegen das Gesetz verstößt. Auch die Aussage, dass Homosexualität "anerzogen" werden könne, ist wirklich so dermaßen dumm und seit Jahren wissenschaftlich widerlegt - dass man eigentlich gar nicht darauf eingehen sollte. Ärgern tut es einen trotzdem. Dieses Flugblatt zeigt deutlich, dass die Bildungsplanreform überfällig ist.

(Die Fragen stellte Melanie Müller)

Lade TED
 
Ted wird geladen, bitte warten...
 
Es ist nicht mehr möglich, Kommentare zu diesem Artikel zu verfassen.
111 Kommentare