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Wie badische Auswanderer das Chicago von heute prägten - eine Zeitreise
Karlsruhe/Bruchsal
17.10.2021 15:30
Shikaakwa, Land der wilden Zwiebeln, so nannten Native Americans eine kleine Prärie-Siedlung im mittleren Westen der USA. Rastlos bauten die europäischen Einwohner seit 1837 Häuser, Straßen und Kanäle – und zwanzig Jahre später hat sie sich unter dem Namen Chicago zu einer großen Stadt gemausert. Max Meyer aus Karlsruhe ist einer der Tausenden Deutschen, die das raue Pflaster ihre neue Heimat nennen.

Meyer ist privater Ermittler und löst alle Fälle "schnell, zuverlässig und günstig. English, German und Badisch spoken". "Seit der Gründung im Jahr 1837 zog Chicago Menschen aus europäischen Ländern magisch an, neben den Deutschen hauptsächlich Iren", weiß der aus Bruchsal stammende Frank Winter.

Eine Reise durch die Literatur

Der Buchautor hat familiäre Verbindungen in die USA und hatte zuletzt mit seinem spannenden Lesewerk "Den Feigen tritt jeder Lump" für Aufsehen gesorgt. Er stellte den badischen Freiheitskämpfer Friedrich Hecker, der 1848 seine Familie und die gut gehende Anwaltspraxis in Mannheim verließ, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen, in den Mittelpunkt seines Romans.

Buchautor Frank Winter.
Buchautor Frank Winter. Bild: Hans-Joachim Of

Nach dem nach ihm bekannten Hecker-Aufstand war er in die USA emigriert und hatte während des Sezessionskrieges (1861 bis 1865) als Offizier eines deutschen Freiwilligenregiments in der Armee der Nordstaaten gekämpft. Winter schreibt in seinem neuen Buch "Land der wilden Zwiebeln", dass einige Zahlen gut veranschaulichen könnten, wie sich die Situation vor rund 170 Jahren im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" darstellte.

So lebten beispielsweise im Jahr 1860 in Chicago rund 110.000 Menschen, davon über 22.000 Deutsche und knapp 20.000 Iren. Eine besondere Gruppe Deutscher in den USA waren zweifelsohne ehemalige 1848er und 1849er - so wie Max Meyer aus Karlsruhe. Zwischen 4.000 und 10.000 sollen es gewesen sein, die vor allem aus dem Großherzogtum Baden in die USA emigrierten.

In der neuen Welt gingen sie mit Feuereifer daran, ihre Ideale umzusetzen. Natürlich war ihnen Sklaverei ein Dorn im Auge, aber auch die Kirchen, der Klerus und Korruption in städtischen Verwaltungen. Nicht zu vergessen ihr Kampf gegen Temperenzler. Denn gegen ein Glas saftiges Bier sollte niemand etwas einzuwenden haben.

Reformer werden belächelt

Ihre fortschrittlichen Überzeugungen setzten die deutschen Demokraten im Theater um, über Musik, Lesegesellschaften, Klubs und eigene Schulen. Das missfiel manchem Amerikaner und den "Grauen": Deutsch-Amerikaner, die eine Generation älter waren und schon länger in den USA lebten, so wie Paula und Herbert Meyer.

Ein Theater in der McVicker Straße in Chicago.
Ein Theater in der McVicker Straße in Chicago. Bild: Hans-Joachim Of

Die Reformer wurden als "Grünschnäbel" (Greens) bespöttelt. Doch unbeirrt gingen sie ihren Weg. Publizist Karl Peter Heinzen setzte sich massiv für die Gleichberechtigung von Frauen ein. Die Turner-Gemeinschaften, die später oft im Gesamten als deutschsprachige Regimenter in den Bürgerkrieg (1861-1865) zogen, organisierten öffentliche Vorträge und Diskussionen zum Thema. Mathilde Franziska Annecke, die mit ihrem Mann 1848 in Köln die "Deutsche Frauen-Zeitung" ins Leben gerufen hatte, publizierte sie nach ihrer Ankunft in Milwaukee/Wisconsin in den 1850er Jahren unter dem gleichen Titel weiter, auf Deutsch.

Großen Einfluss verdankten die 1848er auch den vielen anderen Publikationen, mit denen sie verbunden waren, und die Illinois Staatszeitung etwa veränderte sich positiv, als der Forty-Eighter Georg Schneider am 25. August 1851 Herausgeber wurde. Das Blatt wurde umgehend zur Tageszeitung. Drei Jahre später publizierte man die erste Sonntagszeitung Chicagos.

Viele deutschsprachige Zeitungen

Nach Schneider übernahm ein weiterer Revolutionär: Lorenz Brentano aus Mannheim. Er hatte 1849 eine provisorische badische Regierung geleitet, die leider nur wenige Wochen währte. Frühere Mitstreiter arbeiteten in Chicago als Journalisten für ihn: Georg Hillgärtner, Wilhelm Rapp und Hermann Raster. Es gab in Chicago vor dem großen Brand im Jahr 1871 noch über 30 andere deutschsprachige Zeitungen und Journale, die täglich, wöchentlich oder monatlich erschienen.

Von den insgesamt 265 deutschsprachigen Tageszeitungen im Amerika des Jahres 1860 stellten sich nur drei auf die Seite der Sezession, also weniger als ein Prozent. Etwa 200.000 Deutsche kämpften für die Nordstaaten. Robert E. Lee, der Oberbefehlshaber der Südstaaten soll Folgendes über sie gesagt haben: "Take the Dutch out of the Union army and we could whip the Yankees easily." Sinngemäß: "Nimm die Deutschen aus der Nordstaaten-Armee und wir besiegen die Yankees mit Leichtigkeit."

Heute nur noch wenig deutsche Spuren

Nur noch wenige deutsche Viertel in Chicago tragen ihre ursprünglichen deutschen Namen, wie B. Schaumburg, Hanover Park und Frankfort. Aus New Strassburg wurde Chicago Heights und Teuto machte man zu Elmhurst-Addison. "Heute kann man durch die alten deutschen Viertel der amerikanischen Städte streifen und nur die spärlichsten Spuren jenes Lebensstils finden, der dort früher üblich war." (Richard O´Connor: „Die Deutsch-Amerikaner. So wurden es 33 Millionen“. Hamburg 1970, Hoffmann und Campe, S. 467).

Das lag an den beiden Weltkriegen, aber auch an deutschen Einwanderern mit ihren gepflegten Antagonismen: Katholiken gegen Protestanten, Liberale contra Konservative, Schwaben gegen Bayern, Bayern contra Hessen, bis hin zur Pflege der eigenen Heimatstadt. Oder, um es positiver auszudrücken.

"Mehr als 150 Jahre lang traf eine Generation Deutsche nach der anderen in Chicago ein. Sie bildeten eine vielseitige, vibrierende Gemeinschaft und halfen mit, die Stadt im mittleren Westen aufzubauen. Mitunter ist es schwierig, ihren speziellen Beitrag dabei zu benennen, schlicht wegen der Anwesenheit der Deutschen in allen Bereichen" (zitiert nach: „The Encyclopedia of Chicago“. Chicago and London, 2004. The University of Chicago Press. S. 336).

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