Grundschüler sind im Sportunterricht.
Grundschüler sind im Sportunterricht.
Bild: Hendrik Schmidt/Archiv
"Kinder müssen es ausbaden": Karlsruher Eltern fordern Lösungen für Schulsport und "desaströste Sporthallenpolitik"
Karlsruhe
02.11.2021 08:44
In Karlsruhe gibt es zu wenig Sporthallen. Auch wegen Sanierungsmaßnahmen brechen einige Sportstätten-Optionen für Schüler in der Fächerstadt weg. Besonders prekär ist die Lage in Oberreut. Als Folge bedeutet dies viel Fahrerei und Zeitaufwand für die betroffenen Kinder und deren Eltern. Das sorgt für Ärger. Der Elternbeirat der Sophie Scholl-Realschule will die Situation nicht länger hinnehmen und fordert von der Stadt bessere Bedingungen zum Sport treiben für die Kinder. Während die Eltern in einem Brief an die Stadt Gegenmaßnahmen fordern, verweist die Verwaltung auf Ersatzstunden und vorhandene Ausweichstätten.

"Wir Eltern sind nicht mehr länger bereit, dass unsere Kinder diese Fehlplanungen ausbaden müssen", wird Maria Jandrey in ihrem Schreiben an Bürgermeister Martin Lenz - welches auch der Redaktion vorliegt - deutlich. "Die Sporthallenpolitik der Stadt Karlsruhe der letzten zehn Jahre ist ein Desaster und unsere Kinder dürfen es ausbaden", so die Elternbeiratsvorsitzende der Sophie Scholl-Realschule.

Die Sophie-Scholl-Realschule in Oberreut
Die Sophie-Scholl-Realschule in Oberreut Bild: Carmele|TMC-Fotografie

Bereits seit über fünf Jahren ist die Drei-Feld-Sporthalle im Schulzentrum in Oberreut geschlossen und Sportunterricht deshalb dort nicht mehr möglich. Rund 2.000 Schüler von verschiedenen Schulen und Kindergärten sind nach Angaben der Elternsprecherin davon betroffen. Als Ersatz wurden die Rheinstrandhalle und die Europahalle angeboten. Letztere ist ebenfalls geschlossen. Der Grund sind Sanierungsarbeiten.

Nur wenige Sportgruppen haben Ersatz

In dem offenen Brief fordert Jandrey nun eine Reaktion und eine Veränderung der "aktuell unbefriedigenden Situation" für Hunderte Schüler. Von insgesamt 32 betroffenen Sportgruppen hätten bisher nur fünf Klassen einen Ersatz, berichtet sie gegenüber ka-news.de.

Zurückzuführen sei dies nur auf das Engagement der Schulleitung der Sophie-Scholl-Realschule und des massiven Drucks und aktivem Nachhaken von Elternseite. "Es geht sehr viel Zeit für den eigentlichen Sportunterricht verloren durch die entstehenden Fahrtzeiten zu den Ersatzsportstätten. Der Bustransport funktioniert oft gar nicht oder nur unzureichend", kritisiert die Elternsprecherin.

"In Zeiten, in denen viel von der Wichtigkeit des Sports als gesundheitliche Präventionsmaßnahme die Rede ist, kann und darf es nicht daran scheitern, dass so viele Sporthallen in Karlsruhe geschlossen bleiben", meint sie weiter.

Ausweichstätten keine logistisch sinnvolle Option

Bereits vor drei Jahren gab es laut Jandrey eine zweiwöchige Sanierung der Rheinstrandhalle ohne adäquate Ersatzmöglichkeiten für den Schulsport. Aktuell gibt es eine erneute Sanierung der Rheinstrandhalle, die nicht in den Ferien abgeschlossen werden konnte und weshalb der Schulsport in den ersten Wochen nach den Sommerferien ausgefallen war.

Bild: Bündnis Kinder- und Jugendreha e.V./dpa-tmn

Davon waren laut der Elternbeiratsvorsitzenden 62 Schulklassen von verschiedenen Schulen betroffen. Der Vorschlag der Stadt an dieser Stelle: Schüler aus Grünwinkel und Oberreut in die KSC-Halle oder zur Halle der Friedrich-List-Schule für den Sportunterricht zu bringen, was aus Sicht des Elternbeirats aber aufgrund des hohen logistischen Aufwandes inakzeptabel ist.

"Der Zeitverlust aufgrund der Fahrtzeit ist so enorm, dass selbst bei der Planung von Doppelstunden höchstens 15 Minuten Sportzeit in der Halle übrig blieben", argumentiert die Elternbeiratsvorsitzende.

"Es ist katastrophal"

"Nach der langen Zeit des Online-Unterrichts im Home Schooling und der Schließung von Vereinen und Schwimmbädern aufgrund der Pandemie ist es katastrophal, dass auf Bewegungsangebote verzichtet werden soll, weil die Sanierungsplanungen sowie der gesamte Sportstättenbau der Stadt Karlsruhe nicht im Zeitplan ist und seit Jahren kein Fortschritt festzustellen ist", kritisiert Jandrey in ihrem Schreiben an die Stadt.

Karlsruhes Bürgermeister Martin Lenz.
Karlsruhes Bürgermeister Martin Lenz. Bild: Lukas Hiegle

Die Problematik fehlender Sporthallen und der damit verbundenen Bewegungsangebote sei bereits vor dem Wegfall von Europahalle und der Dreifeldhalle des Schulzentrums Oberreut bekannt gewesen. Bereits 2018 habe man von Seiten der Elternschaft den Gemeinderat und den verantwortlichen Bürgermeister Martin Lenz sowie das Schul- und Sportamt darauf aufmerksam gemacht, dass es zu massiven Engpässen kommen werde." Es ist in den letzten drei Jahren viel zu wenig passiert", resümiert die Elternbeiratsvorsitzende.

Hallenneubau und verlässliche Ausweichmöglichkeiten

Von der Stadt erhofft sich der Elternverband nach eigenen Angaben eine schnelle und unbürokratische Lösung, um den aktuellen Ausfall der Rheinsporthalle aufzufangen und um so schnell wie möglich den Sportunterricht wieder durchführen zu können. Außerdem fordern die Elternvertreter eine verlässliche Ausweichmöglichkeit in zeitnaher Entfernung während der Bauzeit.

Der Transfer in die KSC-Halle oder der Halle an der Friedrich-List-Schule sei aufgrund der langen Fahrzeiten keine Alternative. In dem Papier wird außerdem ein unverzüglicher Abriss der alten Sporthalle an der Sophie-Scholl-Realschule sowie ein unmittelbarer Neubau gefordert.

Was sagt die Stadt?

Zudem erwarte man  die Planung und den Bau von weiteren Schulsporthallen, die im Sanierungsfall anderer Hallen als "Puffer" dienen können. Doch wie realistisch sind die Forderungen der Elternvertretung?

Die Sporthalle am Wildparkstadion
Die Sporthalle am Wildparkstadion Bild: Tim Carmele

Auf ka-news-Nachfrage teilt die Stadt Karlsruhe mit, dass man sich der Problematik bewusst sei. "Die Stadt Karlsruhe als Schulträgerin ist sich der wesentlichen Bedeutung des Schulsports bewusst. So wird mit dem Neubau der Sporthalle an der Sophie-Scholl-Realschule direkt nach dem Abriss der Bestandshalle begonnen. Nach Abschluss dieser Baumaßnahme kann der Sportunterricht dann in einer zeitgemäßen Halle stattfinden", so ein Stadtsprecher.

Verbesserungsbedarf sieht der Elternbeirat auch in der Kommunikation der Stadt mit der Schulleitung, um so eine bessere Planungssicherheit zu gewährleisten. "Eine Information am letzten Ferientag, wenn die zeitintensive Erstellung der Klassenpläne mit der Stundenplanung bereits abgeschlossen ist, erscheint uns wenig wertschätzend für die Arbeit von Schulleitung und Kollegium", heißt es in dem Brief.

"Hallenfehlbestand kann nicht immer ortsnah ausgeglichen werden"

In einem Antwortschreiben an eine Elternvertretung, das ka-news.de ebenfalls vorliegt, versichert Bürgermeister Martin Lenz, dass es ihm ein Anliegen sei, dass den betroffenen Schülern Alternativen zur gesperrten Rheinsporthalle angeboten werden. Derzeit würden einige umliegende Schulen prüfen auf Sportstunden zugunsten der Sophie Scholl-Schule zu verzichten.

Bürgermeister Martin Lenz (rechts) verabschiedete die Karlsruher Olympiateilnehmer in Richtung Tokio.
Bürgermeister Martin Lenz (rechts) verabschiedete die Karlsruher Olympiateilnehmer in Richtung Tokio. Bild: Thomas Riedel

Auch Vereinssporthallen sollen demnach für einzelne Stunden der benachteiligten Schüler angeboten werden, erklärt Lenz in seinem Brief an den Elternbeirat und verspricht, so zumindest einen Teil des ausgefallenen Sportunterrichtes auffangen zu wollen. Für Maria Jandrey ist dies allerdings keine Problemlösung, sondern lediglich "ein Herumdoktern an Symptomen", wie sie ka-news.de verrät.

"Nur leere Politikversprechen"

Bürgermeister Lenz habe bis 2022 eine neue Sporthalle zugesagt. Dies seien bislang aber lediglich leere Politikerversprechen, die Jahr für Jahr so weiter gehen. “Wir sind nicht länger bereit, das stillschweigend zu schlucken, sondern fordern einen aktiven und zeitnahen Hallenbau, der auch Puffer für eventuelle Sanierungsschließungen bietet. Hier wird mit viel zu knapper Naht genäht."

Bild: Mascha Brichta/dpa-tmn

Dass die Ausweichsituationen für die Schüler nicht immer optimal, aber oftmals nicht anders möglich sind, ist der Verwaltung bewusst. "Bei Hallenschließungen durch Baumaßnahmen kann der Hallenfehlbestand nicht immer in Nähe des Standorts ausgeglichen werden", so die Stadt auf ka-news-Nachfrage.

"Mit dem Bau der Dreifeldsporthallen in Oberreut, der bereits fertiggestellten Lina-Radke-Halle sowie der geplanten Halle in der Moltkestraße wird der Hallenfehlbestand zum Großteil kompensiert", verspricht die Stadt in ihrer Stellungnahme. Die Sporthallen-Debatte in Karlsruhe scheint damit aber wohl noch lange nicht zu Ende.

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