Mathilde Göttel (Die Linke), Stadträtin im Gemeinderat Karlsruhe.
Mathilde Göttel (Die Linke), Stadträtin im Gemeinderat Karlsruhe.
Bild: Lars Notararigo
"Schön, dass überhaupt etwas passiert": Karlsruher Gemeinderat bewilligt Pilotprojekt zu kostenlosen Damenbinden
Karlsruhe
23.11.2021 18:38
Menstruation, Periode, Regelblutung. Die sozialen Berührungspunkte zum Thema sind stark. Viele Frauen seien mit dem Thema aber alleine gelassen und fänden nicht immer Hilfe, wenn sie sie benötigen. Aus diesem Grund bringt die Fraktion die Linke einen Antrag auf kostenlose Damenhygieneartikel in öffentlichen Gebäuden in den Gemeinderat. Dabei ginge es nicht nur um den finanziellen Aspekt, sondern auch um gesellschaftliche Akzeptanz.

17:00Mathilde Göttel ist "Mittel zufrieden"

"Es ist schön, dass überhaupt etwas passiert", sagt Stadträtin Göttel gegen Ende der Gemeinderatssitzung. "Andererseits hätte ich mir ein wenig mehr erhofft. Es ist immer noch enttäuschend, dass so viele Frauen im öffentlichen Raum in einem Notfall erst nach Hygieneartikeln fragen müssen oder zusehen, wo sie auf die Schnelle eine Binde herbekommen. Aber immerhin ein Pilotprojekt wurde gestartet, ich würde also sagen ich bin Mittel zufrieden."

16:08Antrag wird angenommen

Der Antrag wird unter Berücksichtigung des Ergänzungsantrags der Grünen angenommen. 

"Wir können und müssen über Umschichtung sprechen," sagt Mathilde Göttel und schließt ihre Argumentation als sie den Antrag vor dem Gemeinderat einbringt. Der Antrag wird von Grünen, SPD und der gemeinsamen Fraktion von Karlsruher Liste und Partei unterstützt und von CDU, Freien Wählern und AfD abgelehnt.

"Die Hälfe der Menschen weltweit menstruiert mindestens einmal in ihrem Leben und dennoch wird viel die Periode nicht als Bedürfnis wahrgenommen", sagt Stadträtin Jorinda Fähringer der Grünen. "Allerdings haben wir keine belastbaren Erfahrungswerte, auch nicht zu Resonanz der Bürger. "Daher wollen wir zunächst ein Pilotprojekt an wenigen Schulen und Jugendzentrum einleiten."

Jorinda Fahringer (Die Grünen). Bild: Grüne Karlsruhe

Rahsan Dogan von der CDU und Ellen Fenrich lehnen die kostenlosen Damenhygieneartikel ab. "Wir müssen junge Mädchen in dieser Hinsicht zur Selbstständigkeit erziehen und nicht bevorzugen." Ein Statement in das auch Petra Lorenz von den Freien Wählern einstimmt.

Rahsan Dogan (CDU). Bild: CDU Karlsruhe

Ellen Fenrich von der AfD gibt zu bedenken, dass das Geld für das Projekt langfristig fehle. "Außerdem wussten Frauen sich seit Menschengedenken zu diesem Thema zu helfen. Wir sind gegen diesen Antrag."

Ellen Fenrich, (AfD). Bild: Ellen Fenrich

Dennoch wird die Idee des Pilotprojekt mit einer sichtbaren Mehrheit vom Gemeinderat angenommen angenommen.

15:30Start der Gemeinderatssitzung

Das Thema Menstruation wird auch heute als "schmutzig" stigmatisiert, wie die Linke in einem Antrag schreibt. Das führe mitunter zu Problemen, wie die Karlsruher Fraktion fortfährt. Durch die Stigmatisierung jenes Körpervorgangs sei es vielen Frauen unangenehm, bei Regelproblemen nach Hilfe zu fragen und sie würden im akuten Fall oft damit alleine gelassen.

"Frauen werden mit solchen Kosten alleine gelassen"

Aus diesen Gründe soll es eine kostenfreie Versorgung mit Damenhygiene in öffentlichen Gebäuden, Toiletten, städtischen Einrichtungen, aber auch Restaurants, Fitnessstudios oder Einkaufszentren geben. "Die Idee hatten wir nach dem Vorbild anderer Gemeinderatsfraktionen der Linken - etwa Mannheim", sagt Mathilde Göttel, Fraktionsmitglied der Karlsruher Linken und Initiatorin des Antrags im Gespräch mit ka-news.de. 

Mathilde Göttel (Die Linke), Stadträtin im Gemeinderat Karlsruhe.
Mathilde Göttel (Die Linke), Stadträtin im Gemeinderat Karlsruhe. Bild: Lars Notararigo

"Im Laufe ihrer Lebenszeit verbringt eine Frau rund sieben Jahre innerhalb ihrer Periode", sagt Göttel. "Dabei entstehen unheimlich viele Kosten. Fast 20.000 Euro sammeln sich ein Leben lang für Binden, Tampons oder andere Hygieneartikel an. Diese Kosten werden meines Wissens von keiner Stelle berücksichtigt - etwa bei einer Harz IV Auszahlung."

Für Verhütungsmittel gelte beispielsweise ein ähnliches Prinzip. "Frauen werden mit diesen Kosten alleine gelassen. Ihre Bedürfnisse werden marginalisiert und für nicht allzu wichtig erachtet. Und das obwohl sie die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen", so das Fraktionsmitglied. "Unseres Erachtens nach, müssen die Hygieneartikel in so vielen Lebenslagen wie möglich kostenlos zur Verfügung stehen."

"Wir wollen Berührungsängste abbauen"

"Eine Binde nicht rechtzeitig zu wechseln ist unhygienisch", so Göttel. "Manchmal werden Frauen auch von ihrer Periode überrascht. Aber viele fühlen sich unwohl oder haben nicht immer die Möglichkeit einen Hygieneartikel in öffentlichen Toiletten anzulegen oder zu wechseln." Das hänge nicht zuletzt mit dem Status der Menstruation als Tabuthema zusammen.

Die City-Toilette im Schlossgarten Durlach ist mittlerweile wieder in Betrieb.
Die City-Toilette im Schlossgarten Durlach. Bild: Ingo Rothermund

"Wenn Hygieneartikel aber immer und kostenlos auf der nächsten Toilette verfügbar sind - wenn Frauen das Gefühl haben, es ist an sie gedacht - fühlen sie sich gleich sicherer und entspannter. Und durch den Gewohnheitseffekt, der sich einstellt, wenn die Hygieneartikel im öffentlichen Raum zum alltäglichen Anblick werden, wird das Thema weniger stigmatisiert. Wir wollen auf diese Weise Berührungsängste abbauen", erklärt die Stadträtin.

Zwar habe sich schon ein wenig zu diesem Thema getan, etwa durch spezielle Entsorgungstüten für Hygieneartikel auf Damentoiletten, "doch die werden kaum genutzt und sind letztlich nur dazu da, die Binden von 'normalem' Müll zu trennen. Sie sind dazu da, das Thema Menstruation zusätzlich zu verstecken und ich finde das zeigt die Prioritäten unserer Gesellschaft sehr deutlich. Prioritäten die wir ändern müssen."

Ein Pilotprojekt an Schulen?

Besonders in Schulen und Jugendzentren sehen Göttel und ihre Fraktion diesen Handlungsbedarf. "Junge Frauen haben oft eine unregelmäßige Periode, werden am häufigsten überrascht und haben oft große Hemmungen, mit ihrer Regel um Hilfe zu bitten", sagt die Vertreterin der Linken. "Deshalb würde ich ein mögliches Pilotprojekt vor allem dort ansiedeln."

Auch die Fraktion der Grünen hat bereits ein Pilotprojekt dieser Art in einem Ergänzungsantrag vorgeschlagen. Dabei soll binnen eines Jahres an Schulen und öffentlichen Einrichtungen herausgefunden werden, inwieweit die Hygieneartikel genutzt werden und ob man sie offen liegen lassen könne oder sie - zur Missbrauchsvermeidung - in einem Spenderautomaten wegschließen solle.

"Mir persönlich wäre eine flächendeckende Nutzung von Anfang an lieber, aber natürlich sehe ich ein, dass ein solches Pilotprojekt sinnvoll ist", meint Göttel dazu. Dabei verbleibt jedoch die Frage, wie das Projekt, flächendeckend oder nicht, bezahlt werden soll.

"Den Bedürfnissen von Frauen soll ein höherer Wert eingeräumt werden"

"Wir wollen unseren Antrag noch ins Haushaltsbudget einbringen", erklärt Göttel. "Deswegen haben wir ihn schon frühzeitig, am 28. September, eingereicht." Beim geschätzte Kostenbereich orientiert sich die Karlsruher Stadtverwaltung an der Stadt Hamm. Hier wurden für zwei Jahre 20.000 Euro veranschlagt, wie der Stellungnahme der Verwaltung zu entnehmen ist. Damit sei Einkauf der Damenhygieneartikel und deren Verteilung im öffentlichen und nicht öffentlichen Raum gedeckt. 

Zur Gemeinderatssitzung am 23. November soll geklärt, ob der Antrag der Linken bewilligt wird. "Ich freue mich auf die Debatte und kann mir vorstellen, dass zumindest ein Pilotprojekt bewilligt wird", sagt Göttel. "Immerhin sind die Kosten nicht immens. Es geht viel mehr darum, den Bedürfnissen von Frauen einen höheren Wert einzuräumen. Die Regel ist ein normaler Lebensbereich für Frauen und sollte auch so behandelt werden."

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