Siegfried-Buback-Denkmal an der Kreuzung Hans-Thoma-Straße/Moltkestraße in Karlsruhe.
Siegfried-Buback-Denkmal an der Kreuzung Hans-Thoma-Straße/Moltkestraße in Karlsruhe.
Bild: Katherine Quinlan-Flatter
Eine Zeitreise zum Jahrestag des RAF-Ende: Mit dem Mord an Siegfried Buback beginnt in Karlsruhe der "Deutsche Herbst"
Karlsruhe
17.10.2021 06:00
Das Jahr 1977 – ein Jahr, in dem die links extremistische Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) die Bundesrepublik terrorisiert. Auftakt ist die Ermordung des Generalbundesanwalts am Bundesgerichtshof Siegfried Buback am 7. April in Karlsruhe. Der 18. Oktober, vor 44 Jahren, stellt das Ende des "Deutschen Herbstes" dar – die Zeit im September und Oktober 1977, die in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland durch die terroristischen Anschläge der Roten Armee Fraktion (RAF) geprägt ist. Zum Jahrestag des Terrorendes blickt ka-news.de auf eine der wohl dunkelsten Stunden der Karlsruher Geschichte zurück.

Zwischen den 1970-er und 1990-er Jahren ist die Rote Armee Fraktion (RAF) eine linksextremistische terroristische Vereinigung, die als kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und einigen weiteren Personen gegründet wird. Verantwortlich ist sie sowohl für über 30 Morde, als auch für mehrfache Entführungen, Geiselnahmen und Banküberfälle.

1977 wird von mehreren Anschlägen geprägt

Im Terrorjahr 1977 sind mehrere Mitglieder der sogenannten Ersten Generation der RAF in der Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim inhaftiert. Eine als "Offensive 77" bezeichnete Anschlagsserie soll dazu dienen, elf dieser Mitglieder freizupressen. Die terroristischen Angriffe fangen mit dem Mord an Siegfried Buback in der Fächerstadt an.

Siegfried Buback wurde in Karlsruhe ermordet.
Siegfried Buback wurde in Karlsruhe ermordet. Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-00012241 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA 3.0

Die ehemalige Journalistin Ulrike Meinhof, Mitgründerin der RAF, bringt sich bereits im Mai 1976 in Stammheim um. Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller sind noch im Hochsicherheitstrakt der JVA und zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Offiziell haben die Häftlinge miteinander Kontaktverbot und sitzen in Einzelhaft. Was aber zu diesem Zeitpunkt keiner weiß: Mit von ihren Anwälten eingeschmuggelten Elektroteilen hat Raspe eine Wechselsprechanlage in den Zellen eingebaut, womit die Terroristen miteinander kommunizieren können. In Hohlräumen von gehefteten Handaktenbänden schmuggeln die Anwälte auch Pistolen ein.

Am Morgen des 7. April – Gründonnerstag – fährt Siegfried Buback von seiner Wohnung in Neureut zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Er sitzt auf dem Beifahrersitz seines Mercedes 230. Sein Fahrer ist der 30-jährige Wolfgang Göbel. Auf dem Rücksitz sitzt der 43-jährige Justizhauptwachmeister Georg Wurster aus Ettlingen.

Ermordung wird nie vollständig gelöst

Als Bubacks Mercedes an der Kreuzung Hans-Thoma-Straße/Moltkestraße an der roten Ampel wartet, hält rechts ein Suzuki-Motorrad mit zwei Personen, die olivgrüne Helme tragen, neben dem Auto. Im selben Moment, als die Ampel auf grün springt, feuert die Person, die hinten sitzt, aus einem halbautomatischen Gewehr fünfzehn Schüsse auf den Mercedes ab. Buback und Göbel sterben am Tatort. Wurstler erliegt erst am 13. April seinen Verletzungen. Das "Kommando Ulrike Meinhof" bekennt sich zu der Tat.

Zugedeckte Leiche Wolfgang Goebels mit Kriminalbeamten. Im Hintergrund Blick auf die Moltkestraße
Zugedeckte Leiche Wolfgang Goebel mit Kriminalbeamten. Im Hintergrund Blick auf die Moltkestraße Bild: 8_BA_Schlesiger_A26a_159_3_1 Stadtarchiv Karlsruhe, Bildarchiv

Mehrere Stunden später werden in der Nähe der Autobahn bei Wolfartsweier das Motorrad und die beiden Helme gefunden. Es wird vermutet, dass die Täter in einem Auto über die Autobahn geflüchtet sind. Das Bundeskriminalamt konzentriert sich zuerst auf drei Anarchisten aus Karlsruhe, die überall gesucht werden – dem 22-jährigen Günter Sonnenberg, dem 24-jährigen Christian Klar und dem 25-jährigen Knut Folkers. Es gibt eine Menge von Hinweisen aus der Karlsruher Bevölkerung, aber noch keine heiße Spur.

Die Ermittlungen werden in Karlsruhe geführt und die Bundesregierung setzt eine Belohnung von 200.000 DM aus. Obwohl alle drei RAF-Mitglieder später verhaftet und interniert werden, wird nie beweisen, dass sie tatsächlich an dem Mord an Siegfried Buback beteiligt sind. Wer wirklich auf dem Motorrad saß und die Todesschüsse abgab, bleibt bis heute unbekannt.

Siegfried-Buback-Denkmal an der Kreuzung Hans-Thoma-Straße/Moltkestraße in Karlsruhe.
Siegfried-Buback-Denkmal an der Kreuzung Hans-Thoma-Straße/Moltkestraße in Karlsruhe. Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Der SPD-Abgeordnete Otto Wittmann äußert damals sogar den Verdacht, dass der Mordanschlag auf Buback in den Zellen von Stammheim geplant wurde. Die Terrorangriffe gehen weiter und es fängt der sogenannte "Deutscher Herbst" an.

Der RAF-Terror geht weiter

Am 5. September wird der deutscher Arbeitgeberpräsident und Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Hanns Martin Schleyer von der RAF entführt und seine drei Leibwächter ermordet. Seine Entführer fordern die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern, doch Helmut Schmidts Regierung entscheidet sich, nicht auf die Forderungen einzugehen.

Die Aggressivität der Angriffe spitzt sich jetzt zu und am 13. Oktober wird die Lufthansa-Maschine "Landshut", die von Palma de Mallorca nach Frankfurt fliegen soll, von der palästinensischen Terroristengruppe PFLC-SC entführt. Insgesamt sind 91 Passagiere und Flugbesatzungsmitglieder an Bord. Die Entführer arbeiten mit der deutschen RAF zusammen und fordern wieder die Freilassung der elf inhaftierten RAF-Terroristen der Ersten Generation. Über mehrere Tage bleiben die Geiselnehmer mit den Flugzeuginsassen in der Maschine, fliegen dann nach Rom und anschließend nach Larnaka, wo sie jeweils auftanken.

Die am 13. Oktober 1977 entführte "Landshut" nach der Landung in Mogadischu (Somalia).
Die am 13. Oktober 1977 entführte "Landshut" nach der Landung in Mogadischu (Somalia). Bild: picture alliance /dpa/Archivbild

Danach fliegt die Maschine nach Dubai und Aden, wo die Terroristen den Kapitän Jürgen Schumann erschießen. Schließlich fliegt die Maschine nach Mogadischu, wo sie kurz nach Mitternacht am 18. Oktober von der deutschen Spezialeinheit GSG9 vom Bundesgrenzschutz gestürmt wird. Drei der vier Geiselnehmer werden dabei getötet, alle Geiseln kommen unverletzt frei.

Alles endet mit der "Todesnacht von Stammheim"

Um 7:41 am gleichen Morgen entdecken zwei Beamten in der JVA Stammheim die Leiche von Jan-Carl Raspe, der blutend auf dem Boden in seiner Zelle liegt. Er hat sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Erst nach dem Raspe medizinisch versorgt wird, entdecken die Beamten den toten Andreas Baader, der sich mit einer Pistole erschossen hat. Gudrun Ensslin hat sich mit einem Lautsprecherkabel erhängt. Auch Raspe stirbt kurz danach an seinen Verletzungen.

Helmut Schmidt und Hanns Martin Schleyer.
Helmut Schmidt und Hanns Martin Schleyer. Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

In dieser "Todesnacht von Stammheim" scheint es, als ob die Häftlinge diesen Kollektivsuizid miteinander abgesprochen haben. Die nachträgliche Entdeckung der Sprechanlage bestätigt das. Wenige Stunden später wird Schleyer erschossen. Seine Leiche wird am 19. Oktober in Mühlhausen, Frankreich, im Kofferraum eines Audi 100 aufgefunden.

Während der Nacht vom 17. auf 18. Oktober hat der Beamte, der etwa 15 Meter von den Zellen in Stammheim stand, nichts von den Selbstmorden gemerkt – allerdings waren die Zellentüren mit Schallschutz ausgerüstet.

Auf die Frage, ob man nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhof nicht wachsamer hätte sein müssen, antwortet der Justizminister von Baden-Württemberg Traugott Bender: "Ein zum Selbstmord Entschlossener kann daran nicht gehindert werden." Am 20. Oktober 1977 erklärt er wegen des Kollektivsuizids in der Todesnacht von Stammheim seinen Rücktritt.

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