Jürgen Unger, Leiter des Bereichs Baumpflege beim Gartenbauamt.
Bild: Melissa Betsch
Bilanz nach den Hitze-Sommern: "Die Waldstadt wird wohl nie wieder so aussehen wie zuvor"
Karlsruhe
09.07.2020 18:31
Trockenheit, Schädlinge, Sturmschäden - die Karlsruher Bäume in der Stadt und dem Hardtwald haben in den vergangenen Jahren einiges mitgemacht. Besonders 2018 und 2019 mussten durch Hitze und Trockenheit viele Bäume gefällt werden. Das städtische Gartenbauamt sowie das Forstamt ist seitdem mit der Pflege und Wiederaufforstung der betroffenen Bereiche beschäftigt. Die gute Nachricht dabei: Den Bäumen geht es inzwischen wieder besser, massive Neu-Schäden sind seither nicht dazugekommen.

Über 2.500 Bäume fielen im vergangenen Jahr in Karlsruher der Hitze zum Opfer. Sie mussten ab September gefällt werden, weil sie aufgrund von Astbruch-Gefahr eine Bedrohung für Spaziergänger und Anwohner darstellten. Besonders hart traf es dabei neben dem Hardtwald auch die Waldstadt mit ihrem dichten und üppigen Baumbestand.

"Eine Waldstadt ohne Wald"

"Das vergangene Jahr war ein absolutes Ausnahmejahr. Dieses rapide Absterben war sehr gespenstisch und sehr alarmierend", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup bei einem Pressegespräch am Donnerstag in der Elbinger Straße in der Waldstadt. Unter anderem diese Straße war von den Trockenschäden und damit einhergehenden Rodungen besonders stark betroffen. "Es hat ausgesehen, als drohe uns eine Waldstadt ohne Wald."

Durch die Trockenheit musste in der Elbinger Straße im vergangenen Jahr auch eine 120 Jahre alte Buche gefällt werden. Bild: Melissa Betsch

Ein aktueller Blick auf die betroffenen Bereiche lässt allerdings hoffen: Die Natur hat sich an vielen Stellen bereits wieder ein wenig erholt, dank der sogenannten Verjüngungsmaßnahmen, die das Gartenbauamt ergreift.

Sommer 2020 bisher mild - "das kommt den Bäumen zugute"

Dabei dürfen Sämlinge, die sich schon naturgemäß in der gerodeten Fläche befinden, austreiben und werden gepflegt. Hinzu kommen einige nicht-heimische Baumarten, mit der die Lücken besiedelt werden. So wachsen in der Elbinger Straße beispielsweise bereits junge Roteichen, Feldahorn, Robinien, Traubenkirschen und Spitzahorn. 

Wo im vergangenen Jahr Bäume gefällt werden mussten, beginnt sich der Baumbestand in der Elbinger Straße inzwischen selbst zu verjüngen. Bild: Melissa Betsch

Ein weiterer Vorteil: Der Sommer 2020 brachte - im Gegensatz zu den vorausgegangenen - bislang noch keine extreme Hitzewelle mit sich. "Das kommt den Bäumen natürlich zugute", so Jürgen Unger, Leiter des Bereichs Baumpflege beim Gartenbauamt.

Jürgen Unger, Leiter des Bereichs Baumpflege beim Gartenbauamt. Bild: Melissa Betsch

Neue Schäden durch Trockenheit halten sich daher noch in Grenzen. "Das gibt uns eine Atempause um zu sehen, wie wir mit dem verbliebenen Baumbestand umgehen können", sagt auch Frank Mentrup.

OB Frank Mentrup und Umweltbürgermeisterin Bettina Lisbach. Bild: Melissa Betsch

Weitere Rodungen könnten im Oktober anstehen

Anders verhält es sich mit den Schäden durch Schädlingsbefall: Diese seien nach wie vor akut. Vor allem die Baumarten Buche mit dem Rindenkugelpilz, Ahorn mit dem Rußrindenpilz, Esche mit dem Eschentriebsterben und Kiefer mit dem Borkenkäfer haben hier das Nachsehen und müssen daher beobachtet und eventuell gefällt werden.

Schädlinge wie der Rindenkugelpilz (schwarze, verbrannt aussehende Stellen) verursachen bei Buchen innerhalb von nur drei Monaten solche Schäden, dass sie abgeholzt werden müssen. Bild: Melissa Betsch

"110 Flächen kontrollieren wir aktuell zwei bis drei Mal im Jahr. Wenn nötig, werden sie ab Oktober gefällt", so Jürgen Unger. Dennoch blickt er zuversichtlich in die Zukunft: "Die Waldstadt wird wohl nie wieder so aussehen wie zuvor. Aber in fünf Jahren könnten sich hier wieder waldähnliche Strukturen bilden."

Jürgen Unger über die aktuelle Situation bei den Stadtbäumen:

Starke Verluste bei Jungbäumen im Wald

Auch im Karlsruher Hardtwald ist man mit der bisherigen Entwicklung hinsichtlich der Trockenheit im Großen und Ganzen zufrieden. "Die Dürre stand auch hier in diesem Jahr nicht im Vordergrund", sagt Forstamtsleiter Ulrich Kienzler. Lediglich die Situation bei den Jungbäumen sei kritisch: Von den im Februar und März gepflanzten rund 16.300 Bäumen seien aufgrund des trockenen Aprils rund ein Drittel nicht angewachsen.

Der Karlsruher Baumbestand ist extrem von den Folgen des Trockenjahres 2018 betroffen. Bild: Paul Needham

Sorgen bereiten den Forstarbeitern aber besonders die im Wald heimischen Nadelbäume. Diese haben - wie die Bäume in der Waldstadt - mit Schädlingen zu kämpfen. "Gerade um Pilzerkrankungen machen wir uns große Sorgen", so Kienzler. Neben Fichten seien vornehmlich Schäden an Douglasien und Kiefern zu beobachten.

Baumpflege noch eine Aufgabe für kommende Jahrzehnte

"Wir müssen daher regelmäßig an Bahnlinien und Straßen sowie Waldwegen kontrollieren", sagt der Forstamtsleiter, "das ist mit einem unheimlichen Arbeitsaufwand verbunden." Abseits der Wege wird das kranke oder abgestorbene Holz allerdings sich selbst überlassen, um den Totholzbestand für Tier- und Pflanzenarten zu sichern. 

Forstamtsleiter Ulrich Kienzler. Bild: Melissa Betsch

Um gegen Schädlinge und klimabedingte Veränderungen in Zukunft besser gerüstet zu sein, wird der Wald sukzessive "umgebaut". Dabei wird der Baumbestand so verändert, dass er Einflüssen besser standhält und gleichzeitig fremdländische Baumarten an der ungehinderten Ausbreitung gehindert werden. 

Das sieht Forstamtsleiter Ulrich Kienzler allerdings als eine Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte an. Ebenso werde man weiter die Schäden aus den vergangenen Jahren beobachten und Verjüngungsmaßnahmen durchführen müssen.

"Dafür gibt es kein Patentrezept"

Das nächste Ziel: Ab Herbst soll mit der Aufforstung der nun fehlenden Bäume begonnen werden: "2.000 Bäume werden wir neu pflanzen und 4.000 abgestorbene nachpflanzen", so Kienzler im Gespräch mit ka-news.de. Zudem waren 1.000 Bäume im März in drei kleineren Stürmen entwurzelt worden. 

Ulrich Kienzler über die aktuelle Situation im Stadtwald:

Ob und wann der Wald sich wieder komplett erholt, sei noch nicht abzusehen. "Dafür gibt es kein Patentrezept, auf Veränderungen müssen wir immer wieder neu reagieren. Die Devise lautet: Geduld haben und immer wieder die Walddynamik betrachten."


Bilanz Baumschäden in Karlsruhe


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