Steffen Schäfer vom Sozialamt der Stadt Karlsruhe und Leiter der Wohnraumakquise.
Bild: Melissa Betsch
Wohnungen an Obdachlose vermieten? Warum Karlsruhe mit diesem Modell nationaler Vorreiter ist
Karlsruhe
23.11.2019 06:12
Wohnraum und vor allem die Knappheit desselben ist in Karlsruhe seit jeher ein Thema. Doch nicht nur Studenten und neu Zugezogene stehen bei der Wohnungssuche sprichwörtlich vor verschlossenen Türen, auch rund 545 Obdachlosen in der Fächerstadt ergeht es so. Mit dem Projekt "Wohnraumakquise durch Kooperation" will die Stadt private Eigentümer leerstehender Wohnungen und Obdachlose zusammenbringen. Doch inwiefern lohnt sich das für die Vermieter?

Gerade in den kalten Wintermonaten haben sie es besonders schwer: Wohnungslose, die kein festes Dach über dem Kopf haben, ziehen von einer Notunterkunft in die nächste - ein Umstand, der die Stadt Karlsruhe dazu veranlasst hat, das Programm "Wohnraumakquise durch Kooperation" ins Leben zu rufen. Was sich hinter dem etwas sperrigen Namen verbirgt, ist dabei aber schnell erklärt: Private Wohnungseigentümer können der Stadt eine leerstehende Wohnung zur Vermietung an benachteiligte Personengruppen zur Verfügung stellen.

Ab dem Jahr 2000 stiegen die Obdachlosenzahlen an - daraufhin wurde das Wohnungsakquise-Projekt gegründet. Bild: Stadt Karlsruhe

So wird vermietet

Hierfür schließen die Eigentümer mit der Verwaltung vertraglich einen sogenannten Kooperationsvertrag und eine Belegungsvereinbarung ab und vermieten die Wohnung im Gegenzug für zehn Jahre an sozial Benachteiligte. Falls nötig, wird das Objekt vorher von den Vermietern saniert  - das wird von der Stadt Karlsruhe bezuschusst. Aber: Die Miete muss dabei angemessen und auf "Hartz IV-Niveau" bleiben. Aufbringen müssen sie die Mieter selbst.

Obdachlosigkeit ist nach wie vor ein großes Problem in Karlsruhe. (Symbolbild) Bild: pixabay@ales_kartal

Hat die Fachstelle Wohnungssicherung schließlich einen passenden Mieter ausgewählt, darf dieser in der Wohnung einziehen - allerdings erst einmal für ein Jahr auf Probe, wobei er von Sozialarbeitern begleitet und betreut wird. Gibt es nach dem "Probewohnen" nichts zu beanstanden, erhält der Betroffene einen Mietvertrag.

Schon 2.027 Personen haben eine Wohnung gefunden

"Wir wollen Menschen mit geringem Einkommen und kinderreichen Familien auf dem sehr engen Karlsruher Wohnungsmarkt eine Perspektive bieten. Wir haben eine Leerstandsquote von 0,7 Prozent, der Wohnungsmarkt kann sich nicht mehr selbst regulieren. Daher muss die Stadt mit diesem Projekt entsprechend Wohnungen bereitstellen", erklärt Steffen Schäfer vom Sozialamt der Stadt Karlsruhe und Leiter der Wohnraumakquise das Programm. 

Steffen Schäfer vom Sozialamt der Stadt Karlsruhe und Leiter der Wohnraumakquise. Bild: Melissa Betsch

Das ist dabei aber kein neues, es wurde schon 2005 ins Leben gerufen - mit großem Erfolgt: So konnten laut Schäfer seit 2005 insgesamt 2.027 Personen in einer Wohnung untergebracht werden. Auch die Zahl der Akquisewohnungen steige kontinuierlich, 796 sind es seit der Einführung des Projekts.

Karlsruhe ist "Leuchtturm" für über 40 weitere Städte

"Jedes Jahr kommen rund 55 Wohnungen dazu. Über 40 weitere Städte und Gemeinden orientieren sich schon am 'Leuchtturm' des Karlsruher Modells", freut sich auch Bürgermeister Martin Lenz über den Erfolg des Projekts bei einer Feierstunde am Freitag. Aber: Ob es die endgültige Lösung für die Obdachlosen-Frage in Karlsruhe ist, bleibt abzuwarten. Noch leben in der Fächerstadt etwa 545 Menschen auf der Straße. "Die Situation ist nach wie vor schwierig", gibt Steffen Schäfer zu.

Bürgermeister Martin Lenz bei der Feierstunde am Freitag. Bild: Melissa Betsch

In Sorge, dass der Eindruck entstehen könnte, man wolle den sozial stärkeren Interessenten die Wohnungen vorenthalten, ist er aber nicht: "Für Menschen mit geringem Einkommen gibt es in Karlsruhe keinen eigenen Wohnungsmarkt mehr. Und eine 'reiche' Stadt wie Karlsruhe, die auch Wert auf Soziales legt, kann sich nicht erlauben, nichts für solche Menschen zu tun."

2027 Menschen konnte seit Beginn des Projekts eine Wohnung vermittelt werden. Bild: Stadt Karlsruhe

Eigentümer sind abgesichert

Neue potentielle Bewohner gewinnen die Mitarbeiter der Fachstelle Wohnungssicherung auf direktem Weg, gehen aktiv auf Betroffene in Notunterkünften zu. Dass da auch mal ein schwarzes Schaf darunter sein könnte, bereitet Steffen Schäfer aber kein Kopfzerbrechen.

Damit Obdachlose nicht mehr draußen übernachten müssen, können sie mithilfe der Stadt eine Wohnung mieten. Bild: TMC|Carmele Fotografie

Der Grund: Über das Probewohnen sowie die sozialarbeiterische Begleitung seien die Wohnungseigentümer abgesichert - auch finanziell, denn sollten auch die Mietzahlungen einmal ausbleiben, haben die Eigentümer eine sechsjährige Mietausfallgarantie - dann muss die Stadt für die laufenden Kosten aufkommen. "Das ist also ein ganz sicherer Weg", meint Schäfer.

"Unsere nagelneue Wohnung war nach einem Jahr Schrott!"

Dass das nicht alle Vermieter so sehen, beweist das Beispiel eines Wohnungseigentümers, den ka-news.de am Rand der Feierstunde trifft. Seit rund sieben Jahren vermietet er seine fünf Wohnungen in Beiertheim-Bulach im Rahmen der Wohnraumakquise, aktuell bewohnt von elf Betroffenen.

Knapp 800 Wohnungen konnten seit 2005 vermietet werden. Bild: Stadt Karlsruhe

Sieben Jahre, in denen nicht immer alles so glatt lief wie erhofft, wie er im Gespräch mit ka-news.de erzählt: "Einmal hatten wir über zwei bis drei Jahre ein gigantisches Problem mit der Mülltrennung. Ein anderes Mal haben uns die Bewohner eine nagelneue Wohnung auseinander genommen, die war nach nur einem Jahr Schrott! Da kam ich doch kurz ins Zweifeln." 

Auch in Zukunft wird es noch Obdachlose auf Karlsruhes Straßen geben. Bild: TMC|Carmele Fotografie

Ein Grund aufzuhören ist das für ihn aber nicht. "Die Stadt hat alle Sanierungskosten voll übernommen und auch das Müllproblem geschlichtet. Hier ist immer ein Ansprechpartner da - ich denke, das ist mit ein Grund, warum das Projekt so erfolgreich ist", erklärt er. So erfolgreich, dass es in seinen Augen sogar die bessere Lösung darstellt als die klassische Vermietung. "Vermietet man selbst, hat man solche Probleme auch - nur dann ist da niemand, der sich darum kümmert."

"Wir möchten etwas zurückgeben"

Hier beschwichtigt auch der Leiter der Wohnraumakquise: Vandalismus komme laut Steffen Schäfer ganz selten vor. Sollte ein Mietverhältnis einmal gar nicht passen, "dann können wir den Mieter herausnehmen und ihm eine andere Wohnung geben. Hier haben wir die Möglichkeit, ein wenig zu steuern", sagt er. "Wenn es gar nicht geht, muss er vielleicht auch zurück in die Notunterkunft, aber das kommt nur ein bis zwei Mal im Jahr vor - wenn überhaupt. Das Konzept insgesamt klappt - sonst wären wir nicht auf so einem guten Weg."

Diese Meinung teilt auch der private Vermieter. Auf die Frage, warum er sich vor sieben Jahren für "Wohnraumakquise durch Kooperation" entschieden hat, sagt er: "Das ist ein tolles Projekt und wir würden es immer wieder machen. Auch unsere Tochter vermietet schon Wohnungen. Uns geht es nicht schlecht und daher möchten wir davon etwas zurückgeben - und das können wir jedem nur weiterempfehlen."

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