Olivier Blanchad, Projektbeauftragter Minxli Services.
Olivier Blanchad, Projektbeauftragter Minxli Services.
Bild: Kube
Videochat statt Arztpraxis: Karlsruher Studenten werden per Smartphone "behandelt" - kann der Arzt so helfen?
Karlsruhe
15.10.2019 13:13
Bei einer Erkältung einfach zum Handy greifen, anstatt sich mühsam zur Arztpraxis zu schleppen - und mit dem Arzt per Videochat kommunizieren. Das klingt komfortabel, gerade da die Alternative ein im Winter oftmals volles Wartezimmer ist. Für für viele Studenten des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) ist das nun Realität - und der Hausarzt somit nur noch einen Klick entfernt.

Die einzige Voraussetzung, damit der Arzt per Smartphone nach Hause kommt: Die Studenten müssen bei der Techniker Krankenkasse (TK) versichert sein. Es handelt sich um ein Modellprojekt: Unter dem Namen #ealthforstudents - das "h" verbirgt sich im Hashtag - erprobt die die Krankenkasse mit insgesamt 7.000 Studenten in Karlsruhe und Heidelberg das neue Behandlungsmodell.

Der Arzt kann über die App zum vereinbarten Zeitpunkt den Patienten anrufen.
Der Arzt kann über die App zum vereinbarten Zeitpunkt den Patienten anrufen. Bild: Kube

Denn die Digitalisierung macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht Halt. "Das Gesundheitssystem wälzt sich um", sagt Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg. "Das, was hier in Karlsruhe passiert, ist ein kleiner, aber wichtiger Baustein in Richtung Digitalisierung."

Über die App "Minxli" mit dem Arzt chatten

Derzeit ist "Telemedizin", also die Behandlung über räumliche Entfernung, in Baden-Württemberg nicht erlaubt. "Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen", steht es in der Berufsordnung der Landesärztekammer. Nur im Rahmen von Modellprojekten wie dem der Techniker Krankenkasse, ist eine Fernbehandlung ohne persönlichen Erstkontakt möglich.

Doch wie kommt der Arzt auf das Smartphone? Die Lösung stellt die App "Minxli" dar. Die Studenten melden sich mit ihrer Uni-Mailadresse an, registrieren sich und können ab diesem Zeitpunkt, wann immer sie sich krank fühlen, einen Termin zur Videosprechstunde vereinbaren. "Zum vereinbarten Zeitpunkt ruft der Arzt den Patienten dann an," erklärt Olivier Blanchard, Projektbeauftragter bei "Minxli". Im Vorfeld können die Patienten dem Arzt eine Textnachricht schicken, mit ihm "chatten".

Olivier Blanchad, Projektbeauftragter Minxli Services.
Olivier Blanchad, Projektbeauftragter Minxli Services. Bild: Kube

Auf dem Bildschirm erscheinen nach der Terminabsprache einer von drei Ärzten, die an dem Modellversuch teilnehmen. Einer von ihnen ist Michael Becker, der in Oberreut eine Praxis führt. Für ihn ist es nicht das erste Mal, dass er seine Patienten virtuell behandelt. Bei zwei weiteren Telemedizin-Projekten, unter anderem "docdirekt", war er schon beteiligt.

Telemedizin bietet Chancen - und hat Grenzen

Doch kann ein Arzt tatsächlich eine Diagnose fällen, ohne seinen Patienten persönlich zu sehen? "Es hat sich herausgestellt, dass über Telemedizin viel mehr funktioniert, als bisher angenommen", so Arzt Michael Becker. Rund 80 Prozent der Fälle kann er über Videochats abschließend behandeln. "Einer hat mir beispielsweise mal seinen Bauch gezeigt, so konnte ich eine Gürtelrose diagnostizieren", so Becker weiter.

Pressetermin Techniker Krankenkasse.
Videochatten mit dem Arzt - für Karlsruher Studenten jetzt Realität. Bild: Kube

Allerdings gibt es Fälle, an denen die Telemedizin an ihre Grenzen stößt. Im Zweifelsfall schicke er seine Patienten ins Krankenhaus oder zu einem Vor-Ort Termin, um kein Risiko einzugehen, sagt Becker. Vor allem für banale Infekte wie eine Erkältung, für reisemedizinische Beratung oder auch Hauterkrankungen und psychischer Stress sei die Online-Behandlung eine sinnvolle Alternative.

"Wir möchten herausfinden, wo die Chancen, aber auch die Grenzen der Videosprechstunde liegen", sagt Olivier Blanchard von "Minxli". Bis es so weit sein wird, dass diese neue Form der Behandlung in den Praxisalltag Einzug erhält, wird es wohl noch eine Weile dauern. 

Über die App Minxli kann ein ein Videochat-Termin vereinbart werden.
Über die App Minxli kann ein ein Videochat-Termin vereinbart werden. Bild: Kube

Zwei große Hürden sind bis dahin noch zu nehmen: "Zum einen muss sich die Berufsordnung der Ärzte öffnen und den Weg frei machen, das ist eine formelle Sache", sagt Andreas Vogt, Leiter der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse.  Und: "Auch die Ärzteschaft muss sich diesen Veränderungen öffnen."

ka-news.de-Hintergrund: Wie das Gesundheitssytem digitaler wird

1. Elektronische Patientenakte (ePa) : Die gesetzlichen Krankenkassen sind verpflichtet, ab dem Jahr 2021 ihren Versicherten elektronische Patientenakten anzubieten. Das ist bereits beschlossene Sache - im Mai 2019 trat das Termin- und Vorsorgegesetz (TSVG) in Kraft, das diese Verpflichtung beinhaltet.

2. Das elektronische Rezept (e-Rezept): Wer derzeit ein verschreibungspflichtiges Medikament benötigt, muss das bei der Apotheke mit einem "Zettel" abholen. Das soll sich künftig ändern - mit dem elektronischen Rezept.

Das Gesetz, das das "e-Rezept" im Gesundheitswesen einführt, wurde ebenfalls bereits verabschiedet und trat im August 2019 in Kraft. "Nun haben die Spitzenorganisationen im Gesundheitswesen sieben Monate Zeit, die notwendigen Grundlagen für die Verwendung des elektronischen Rezeptes zu schaffen", erklärt das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Website.

3. Telemedizin - "Online-Behandlung": Noch ist Telemedizin, also die Fernbehandlung über beispielsweise einen Videochat, nur eingeschränkt erlaubt. In Baden-Württemberg darf die Behandlung nicht ausschließlich über Kommunikationsmittel erfolgen, das heißt, es ist ein persönlicher Erstkontakt mit dem Arzt notwendig. Das besagt die Berufsordnung der Ärzte. 

Nur innerhalb sogenannter "Modellvorhaben", wie dem in Karlsruhe, sind Ausnahmen möglich. Dann ist es dem Arzt erlaubt, seine Patienten ausschließlich aus der Ferne behandeln. Dafür ist allerdings eine Sondergenehmigung der Landesärztekammer erforderlich.

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