Gewalt gegen Frauen
(Symbolbild)
Bild: pixabay.com
Tabuthema "Häusliche Gewalt": Wie unterdrückten Frauen in Karlsruhe geholfen wird
Karlsruhe
15.04.2018 06:05
Die MeToo-Bewegung hat seit letztem Herbst hohe Wellen geschlagen. Der Fall Harvey Weinstein hat gezeigt wie stark Frauen auch heute noch unterdrückt werden. Doch auch abseits des ganzen Medienrummels in Hollywood sind Unterdrückung und insbesondere häusliche Gewalt allgegenwärtig - oft sogar im eigenen Umfeld.

Nicht nur im fernen Hollywood spielen Gewalt und Sexismus gegen Frauen eine große Rolle. Auch in Karlsruhe sind viele Frauen, aber auch Kinder, davon betroffen. Der 1981 gegründete "Verein zum Schutz misshandelter Frauen und deren Kinder" bietet Betroffenen dabei eine erste Anlaufstelle, um sie aus der Gewaltspirale zu befreien. Neben einer Beratungsstelle gibt es auch die Möglichkeit der Unterbringung in einem autonomen Frauenhaus.

Die ausschließlich weiblichen Mitglieder des Vereins setzen sich für die Rechte der Frauen und ihrer Kinder ein: "Jede Frau kann zu uns kommen, die in eine Situation gerät, in der sie psychischer oder körperlicher Gewalt ausgesetzt ist", so Monika Kuckeland, von der Frauenberatung in Karlsruhe. Ziel des Vereins ist es, den Frauen beratend zur Seite zu stehen, sie über ihre Rechtssituation aufzuklären und sie an weitere Unterstützungseinrichtungen zu vermitteln oder zu helfen, die Zeit bis zu einer Therapie zu überbrücken.

Doch nicht jede Frau schafft es, allein den Mut aufzubringen, sich Hilfe zu suchen. Deshalb arbeitet die Frauenberatung eng mit vielen Behörden und Institutionen der Stadt zusammen. Dazu zählen vor allem Polizei und Ordnungsamt, aber auch Ärzte, Krankenhäuser, der Soziale Dienst sowie Gleichstellungsbeauftragte. Diese können den Kontakt zwischen Betroffenen und Verein herstellen.

Die Frauen müssen gehört werden

"Es ist wichtig für die Frauen, die Situation aus ihrer Sicht schildern zu können und gehört zu werden", erklärt Kuckeland das Vorgehen beim ersten Gespräch mit den Betroffenen. Viele kommen oft gar nicht speziell wegen körperlich erfahrener Gewalt vorbei, sondern nur, "weil sie das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt", erzählt Kuckeland, denn, so Kuckeland weiter, "häusliche Gewalt ist ein schleichender Prozess".

Es geht zunächst vor allem darum, zu klären, ob eine Gefährdungslage vorliegt: "Diese Frauen merken, dass da ein Ungleichgewicht ist. Wir helfen ihnen zu überprüfen, in welcher Situation sie sich befinden", erzählt Kuckeland. Gemeinsam sollen Lösungen gefunden, ein Ausweg aus der Gewaltspirale geboten und den Frauen Tipps gegeben werden, wie sich in Gewaltsituationen verhalten sollten.

Dominanz und Machtausnutzung

Wie bereits die MeToo-Bewegung in den USA zeigt, geht es nicht nur um sexuelle Formen der Gewalt, sondern insbesondere um Dominanz und Kontrolle des Mannes über die Lebenspartnerin: "Der Mann bestimmt, ob die Frau arbeiten darf, wo sie arbeiten darf, mit wem sie sich treffen darf und wofür sie ihr Geld ausgibt", sagt Ulrike Stihler, Leiterin der Geschäftsstelle des Vereins. Diese Form der Unterdrückung führe zu Angst vor Gewaltausbrüchen des Mannes, weshalb die Frau beginne, auf ihre Recht zu verzichten, ergänzt Stihler.

aggressives Drohen Kopf seitlich
(Symbolbild) Bild: Fotolia @ fpic

Nicht selten sind davon auch die Kinder betroffen, sei es durch Verprügeln, sexuelle Misshandlung oder auch psychische Gewalt. Die Kinder sind zudem oft Druckmittel, um die Frauen einzuschüchtern, wie Stihler anmerkt: "Wenn die Frau sich wehrt, heißt es dann: Ich bringe dich um. Ich bringe die Kinder um." Kuckeland hebt zudem hervor, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder in allen sozialen Schichten vorkommt.

Rauskommen aus der Gewaltspirale

Gewalt gegen Frauen ist vor allem eines, ein Teufelskreis: "Erst kommt es zur Eskalation, dann folgt die große Reue und das Versprechen des Partners, sich zu bessern. Die Frau glaubt ihm, malt sich eine bessere, eine Zukunft ohne Gewalt aus. Dann passiert irgendwas, vielleicht im Job des Mannes, er rastet erneut aus und alles geht von vorne los", beleuchtet Stihler das Problem der Gewaltspirale.

Bis Frauen den Mut haben, dieser Gewaltspirale zu entfliehen, dauert es nach den Erfahrungen Stihlers oft fünf bis sieben Jahre. Der Grund ist vor allem folgender: Häusliche Gewalt betrifft den Familienbereich und ist gerade deshalb ein Tabuthema: "Der Ort der Familie ist in unserer Gesellschaft etwas schützenswertes. Die Betroffenen reden vorher kaum mit ihren Freunden oder Verwandten darüber. Das ist ein großes Tabuthema", so Stihler.

Hinzu kommt die finanzielle Abhängigkeit vom Mann. Das erschwert den Absprung. "Beim Gedanken an Trennung stellen sich viele die Frage, wie sie das allein stemmen sollen. Sie haben keine Option vor Augen", erläutert Kuckeland. Kontrolle, Erpressung über die Kinder, Hoffnung auf eine Besserung, finanzielle Abhängigkeit und Tabuisierung des privaten Raums halten die Frau letztlich in der Gewaltspirale gefangen. Die Folgen sind physische wie psychische Abnutzung und Erschöpfung.

Die Gesellschaft muss sich sensibilisieren

Als Außenstehender häusliche Gewalt aufzudecken, ist oft nicht einfach, da die Spuren der Gewalt von außen meist nicht zu erkennen sind. Denn "vielen Frauen ist es wichtig, dass die häusliche Gewalt unsichtbar bleibt", erklärt Stihler. Dennoch könne man sich dafür sensibilisieren: "Man muss mit offenen Augen durchs Leben gehen. Dann kann man auch Gewalt und Unterdrückung wahrnehmen. Wir müssen einfach lernen, auf unser Gefühl zu hören und ein Gespür dafür zu entwickeln", appelliert Kuckeland.

Wer als Außenstehender häusliche Gewalt erkennt, sollte die Betroffenen vor allem auf Beratungsstellen hinweisen: "Auf diese Weise wird ihnen gezeigt, dass sie nicht allein sind", so Stihler. "Es ist ein Zeichen, dass ich etwas gesehen habe. Man holt die Betroffenen so aus dem Tabubereich", ergänzt Kuckeland.

Ein selbstbestimmtes Leben führen

Wenn sich Frauen einmal entschließen, aus der Unterdrückung des Mannes zu fliehen, steht ihnen und ihren Kindern die Unterbringung im Frauenhaus, bestehend aus sieben Zimmern und 14 Plätzen, zur Verfügung. Dieses befindet sich an einem geheimen Ort. "Sie wohnen in einer WG, teilen sich Bad und Küche und müssen den Alltag gemeinsam organisieren", erklärt Stihler. Durch die Selbstorganisation sollen die Frauen lernen, Eigenverantwortung für sich und ihre Kinder zu übernehmen. Durchschnittlich bleiben sie -  gemessen an den Zahlen des Jahresberichtes 2017 - etwa zwei Monate im Frauenhaus, oft aber auch länger.

Frauenhaus Karlsruhe I
Ulrike Stihler, Leiterin der Geschäftsstelle des Vereins zum Schutz misshandelter Frauen und deren Kinder, setzt sich für die Rechte unterdrückter Frauen ein. Bild: Felix Haberkorn

Darüber hinaus erhalten sie durch die Vermittlung der Frauenberatungsstelle psychische und psychologische Beratung, Sozialberatung auf dem Weg in die Trennung vom Partner, Hilfe bei der Bearbeitung von Anträgen für Sozialamt oder Jugendhilfe, sowie Unterstützung bei der Wohnungssuche.

Zu wenig Beratungsstellen

Gerade die Wohnungssuche ist ein entscheidendes Problem bei dem Weg aus der Gewaltspirale, wie Stihler im Gespräch mit ka-news erläutert: "Die Frauen können sich nicht trennen, wenn sie keine Chance sehen, irgendwo eine bezahlbare Wohnung zu finden". So geraten sie schnell wieder in Abhängigkeit.

2017 wurden insgesamt 40 Frauen und 29 Kinder im Frauenhaus aufgenommen. Aufgrund der geringen Kapazität konnten nach Angaben des Vereins sogar 41 Frauen und 74 Kinder trotz Bedarf nicht im Haus untergebracht werden. Das zeigt, dass wesentlich mehr solcher Einrichtungen im Land nötig sind: "Frauenhäuser sollte es überall in unmittelbarer Nähe geben", fordert Stihler entschlossen.

Die Frauenberatungsstelle ist in der Kriegsstraße 148 ansässig und telefonisch erreichbar unter 0721/849047. Der Verein finanziert sich zum einen über Zuschüsse der Stadt Karlsruhe, des Landkreises sowie des Landes Baden-Württemberg. Hinzu kommen Spenden.

0 Kommentare

Hinweis: Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren. Bitte beachten Sie die Kommentarregeln.
Betreff/Titel


Ihr Kommentar

Noch Zeichen