Ende September krachte ein Flixbus bei Bruchsal in die Leitplanke.
Bild: Thomas Riedel
Schattenseite des boomenden Fernbusmarkts: Mehr Busse, mehr Fahrgäste - und auch mehr Unfälle?
Karlsruhe
08.10.2018 18:16
Ende September gab es gleich zwei schwere Unfälle, an denen Flixbusse beteiligt waren. Die grünen Busse sind häufiger auf den Straßen zu sehen, denn der Konkurrent der Deutschen Bahn wird immer beliebter. Trotz der beiden schweren Unfälle betont ein Sprecher von Flixbus gegenüber ka-news, dass die Sicherheit einen hohen Stellenwert im Unternehmen einnimmt. Die Karlsruher Polizei bestätigt, dass Unfälle mit Reisebussen in der Region sehr selten seien - wenn dann aber auch oft sehr schwerwiegend. Zudem nimmt die Zahl der Unfälle im Vergleich zum Vorjahr zu.

Es ist ein Dienstagmittag, 12 Uhr, als ein grüner Flixbus auf der A5 von Richtung Rastatt kommend in Richtung Karlsruhe unterwegs ist. Auf Höhe Ettlingen geschieht das Unglück: Der Bus fährt im Stau auf einen Silo-Lastzug auf, der staubedingt abbremsen musste. Der Fahrer des Busses wird eingeklemmt, eine Passagierin wird ebenfalls schwer verletzt.

Vier Tage später, etwas weiter im Norden: Eine Reisebus ist am Samstag, ebenfalls zur Mittagszeit, auf der A5 in Richtung Süden nach Karlsruhe unterwegs. Auf Höhe des Rasthofs Bruchsal kommt der Fahrer vom rechten Fahrstreifen ab und prallt ungebremst auf einen Fahrbahnteiler. Von den 50 Fahrgästen werden 10 leicht verletzt, der Busfahrer schwer verletzt. Auch dieser Bus trug den Firmennamen "Flixbus".


Busunfall Rasthof Bruchsal West


Die beiden Vorfälle wecken Erinnerungen an den Unfall im Juni, ebenfalls auf der A5 bei Karlsruhe. Hier war ein Bus mit einer Reisegruppe im stockenden Verkehr auf einen Lastwagen aufgefahren. Damals starb die Reisebegleiterin, die auf dem Begleitersitz ganz vorne Platz genommen hatte. Alle anderen Fahrgäste wurden leicht verletzt, der Fahrer und ein Passagier wurde schwer verletzt.

Unfallstelle
Nach ersten Erkenntnissen war der Reisebus am frühen Morgen auf einen Mülltransporter aufgefahren. Bild: Uli Deck

War Unachtsamkeit die Unfallursache?

Die genaue Unfallursache der beiden Flixbusse, ist noch unklar. In beiden Fällen ist allerdings eine Unachtsamkeit der Fahrer "ein Ermittlungsansatz'" der Polizei. Im Netz werden zudem wieder Stimmen laut, dass die Fahrer übermüdet gewesen sein könnten.

Ein Umstand allerdings, dem Flixbus nach eigenen Angaben unter allen Umständen entgegenwirken will. Das Unternehmen ist mittlerweile der Branchenprimus im Bereich der Fernbusse. Allein die Fächerstadt wird täglich von bis zu rund 150 der grünen Busse angefahren. Insgesamt wurden 2017 rund 22,8 Millionen Menschen im Linienfernverkehr mit Reisebussen transportiert. Der Marktanteil, gemessen an den angebotenen Fahrplankilometern von Flixbus, belief sich zu Anfang des Jahres 2017 auf über 90 Prozent.

Busbahnhof Karlsruhe
(Symbolbild) Bild: Thomas Riedel

Gesetzliche Vorgaben werden "selbstverständlich" eingehalten

"Für uns hat die Sicherheit der Fahrgäste und Fahrer oberste Priorität", betont Flixbus-Sprecher David Krebs. "Dies schlägt sich auch in der Gestaltung der Fahrpläne und der damit verbundenen Planung der Lenk- und Ruhezeiten auf den einzelnen Verbindungen nieder." Konkret heißt das, dass man sich "selbstverständlich" an die gesetzlichen Vorgaben hält. Mehr zu den Regelungen im ka-news-Hintergrund am Ende des Artikels.

Bei der Einhaltung der Regeln setzt das Unternehmen auf zwei Wege: Regelmäßige Schulungen in Sachen Verkehrsbestimmungen, auch speziell für Fahrer auf Nachtlinien, und auf "neuste Technologien". So betreibt Flixbus selbst zwar keine Busse, doch über GPS-Tracking weiß das Unternehmen immer, wo sich die Busse befinden und können auch die Lenk- und Ruhezeiten der Fahrzeuge nachvollziehen.

(Symbolbild) Bild: Fabian Sommer/dpa

Fahrer können sich ablösen lassen

Und was passiert, wenn der Fernbus mal im Stau steht und der Fahrplan so nicht eingehalten werden kann? "Sollte ein Fahrer aufgrund unvorhergesehener Umstände mit seiner Lenkzeit nur noch bis zum nächsten Rasthof kommen, wird versucht, einen Ersatzbus beziehungsweise Ersatzfahrer zu organisieren, der den Bus übernehmen und die Passagiere beim Rasthof aufnehmen kann. Eine andere Möglichkeit ist in diesem Fall auch, dass regulär vorbeifahrende Busse Fahrgäste einsammeln und zur nächsten Haltestelle mitnehmen."

Offen lässt David Krebs, wie oft es trotz der Maßnahmen zu Unfällen mit Flixbussen kommt. Das ist auch bei der Polizei nicht genau aufgeschlüsselt. Auswerten lassen sich dort aber die Zahlen der Unfälle unter Beteiligung eines Reise-, Schul- oder Linienbusses. "Dort haben wir schon jetzt fast den Vorjahreswert erreicht", so Polizeisprecher Ralf Minet im Gespräch mit ka-news zum aktuellen Stand der Zahlen.

Der Busbahnhof in Karlsruhe. Etwa 150 Flixbusse steuern ihn täglich an. (Symbolbild) Bild: Thomas Riedel

Zahlen sind höher als im Vorjahr

Heißt konkret: Im vergangenen Jahr kam es zu 143 Unfälle mit Bussen im Gebiet des Polizeipräsidiums Karlsruhe. Ende des 3. Quartals 2018 lagen die Unfallzahlen bereits im Bereich des Vorjahres. 60 Personen kamen im vergangenen Jahr bei den Unfällen zu Schaden, in diesem Jahr sind es bereits über 50.

Die meisten Menschen werden bei der Reise mit Linienbussen, zu denen auch die Flixbusse zählen, verletzt: Hier waren es von den 60 im Jahr 2017 36 Reisende. In diesem Jahr wurden 31 Reisende in Linienbussen in und um Karlsruhe bei Unfällen verletzt. Eine Zahl, die wohl nur durch moderne Sicherheitstechnik gesenkt werden kann, denn die Zahl der Busse steigt stetig. Am 1. Januar 2018 gab es rund 79.000 zugelassene Busse und Omnibusse in Deutschland.

Busbahnhof Karlsruhe
(Symbolbild) Bild: Thomas Riedel

Technik könnte Unfälle abschwächen oder gar verhindern

Wie Laster auch haben Busse ebenfalls einen Notbremsassistenten. Der ist seit November 2015 bei allen Erstzulassungen gesetzlich vorgeschrieben. Das System bremst das Fahrzeug um 10 km/h ab. "Doch dann rast der Bus immer noch mit 90 km/h auf ein Hindernis zu", erklärt Michael Uhrig, Technik-Experte beim ADAC, im Gespräch mit ka-news. Auf Autobahnen dürfen Busse bis zu 100 Kilometer pro Stunde fahren.

Ab November 2018 wird diese Regelung noch weiter verschärft, dann bremst der Notbremsassistent die Fahrzeuge um 20 km/h ab. "Das ist ein Anfang, doch wir sagen ganz klar, dass wir mehr Sicherheit in den Fahrzeugen wollen!" In einem Test hat der ADAC bereits 2015 gezeigt, dass Laster und Busse mit dem Bremsassistenten sogar bis zum Stillstand abbremsen könnten und so ein Unfall nicht nur abgeschwächt, sondern gar verhindert werden könnte. Unklar ist noch heute, ob der Notbremsassistent beim tödlichen Busunfall im Juni aktiviert war - darüber kann die Polizei-Pressestelle auch heute noch keine Auskunft geben.


Reisebus fährt auf Lastwagen auf


ka-news-Hintergrund:

Wer wie lange am Steuer sitzen darf, das regelt eine Verordnung der EU (EG 561/2006). Diese schreibt den Mitgliedsstaaten vor, dass Regelungen erlassen werden müssen, welche die Lenk- und Ruhezeiten beschreibt. Für Busfahrer in Deutschland ist das die Fahrpersonalverordnung (FPersV).

Darin steht: Die Tageslenkzeit darf neun Stunden innerhalb von 24 Stunden nicht überschreiten, zweimal pro Kalenderwoche darf sie aber auf zehn Stunden ausgedehnt werden. Innerhalb von einer Woche dürfen die Fahrer höchstens 56 Stunden am Steuer sitzen, innerhalb von zwei Wochen dürfen allerdings die 90 Stunden nicht überschritten werden. Nach spätestens 4,5 Stunden muss eine Pause von 45 Minuten eingelegt werden, die auch in zwei Pausen von 15 und 30 Minuten aufgeteilt werden darf. Das Be- und Entladen von Bussen zählt dabei auch als Arbeits- und nicht als Ruhezeit.

Die Ruhezeiten sollen täglich mindestens elf Stunden betragen, dürfen aber auf höchstens neun Stunden reduziert werden. Diese Reduzierung darf aber höchstens dreimal zwischen zwei Wochenruhezeiten stattfinden. Diese wöchentliche Ruhezeit muss 45 zusammenhängende Stunden betragen, die nach sechs Tagen eingelegt werden muss.

Wie die Lenk- und Ruhezeiten im Raum Karlsruhe kontrolliert werden, lesen Sie hier: Lenkzeiten im Busverkehr - Wer kontrolliert hier eigentlich?

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