Polizei vor Schloss
Mit einer großen Einstellungsoffensive sollen bis 2023 tausende junge Frauen und Männer für den Polizeiberuf ausgebildet werden.
Bild: Thomas Riedel
Nachwuchssorgen bei der Polizei: Bis 2023 sind 5.500 Stellen im Land zu besetzen - auch in Karlsruhe wird es schon mal eng
Karlsruhe
06.11.2018 17:51
Das Sicherheitsempfinden hat sich in den vergangen Jahren verändert. Sicherheit ist zu einem zentralen und viel diskutierten gesellschaftspolitischen Thema geworden. Viele Herausforderungen und Veränderungen in der Gesellschaft machen eine Vielzahl an Polizisten zur Stärkung der Sicherheit erforderlich. Überstunden und Unterbesetzung sind oft keine Seltenheit. Doch wie sieht die Situation bei der Polizei Karlsruhe aus?

"Wir suchen Dich!", "Nachwuchskräfte gesucht!" oder "Komm zur Polizei!": Slogans wie diese finden sich auch in Karlsruhe auf vielen Streifenwagen der Polizei. Es zeigt, wie dringend junge Polizisten benötigt werden. Die Slogans sind Teil einer großen Einstellungsoffensive die viele Bundesländer, darunter auch Baden-Württemberg, seit einiger Zeit fahren.

Damit es auch künftig genug Polizeibeamte und keine leeren Schreibtische gibt, startet das Land eine Einstellungsoffensive. Bild: Marijan Murat/Archiv

Das Bewerbungs- und Einstellungsverfahren für eine Ausbildung bei der Polizei ist zunächst Ländersache und damit in Händen des Innenministeriums in Stuttgart und dessen Minister Thomas Strobl. Die Einstellung zum Polizisten erfolgt zentral bei der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg. Unmittelbare Einstellungen bei regionalen Polizeipräsidien sind deshalb nicht möglich. Das Präsidium Karlsruhe hat daher keinen direkten Einfluss auf die Bewerbersituation und damit die Auslastung seiner Dienststellen. 

Nachwuchskräfte werden nach Besetzungsstärke aufgeteilt

Die Hochschule für Polizei ist als zentrale Bildungseinrichtung für die Ausbildungen zum mittleren und gehobenen Polizeivollzugsdienst in Baden-Württemberg zuständig. Zur Ausbildung für den Polizeidienst gehört auch ein Praktikum bei regionalen Polizeipräsidien, wo die erlernten Kenntnisse in der Praxis angewandt werden sollen, erklärt ein Sprecher des Innenministeriums gegenüber ka-news.

"Die dem Polizeipräsidium Karlsruhe vom Innenministerium zugewiesenen Personalzugänge werden nach Bedarf an die Organisationseinheiten verteilt", erklärt Raphael Fiedler von der Polizei Karlsruhe. Diese Bedarfsberechnung erfolgt laut Fiedler in einem aufwendigen Verfahren, bei dem verschiedene Parameter, wie etwa die Belastungssituation, Personalabgänge, Ausbildungszeiten, Abordnungen, Elternzeiten, Teilzeitbeschäftigungen oder Langzeiterkrankungen berücksichtigt werden.

Mit einer großen Einstellungsoffensive sollen bis 2023 viele junge Frauen und Männer für den Polizeiberuf ausgebildet werden. Bild: Frank Rumpenhorst

Auf diese Weise wird dann versucht eine ausgleichende, gerechte und am Bedarf orientierte Personalzuweisung sicherzustellen, so Fiedler weiter. "Lagebedingt kommt es bei einzelnen Organisationseinheiten zu Mehrbelastungen, wie zum Beispiel jüngst bei der Kriminalpolizei durch die Einrichtung von zwei Sonderkommissionen wegen Tötungsdelikten", erklärt der Pressesprecher. In solchen Fällen versuche man dann, betroffene Einheiten durch temporäre Zuweisungen von Personal zu unterstützten, erklärt der Pressesprecher abschließend.

Demografischer Wandel: Viele Beamten gehen in Ruhestand

Im aktuellen Kalenderjahr sowie im kommenden Jahr werden jeweils 1.800 Ausbildungsplätze für den Polizeidienst in Baden-Württemberg angeboten. Das Ministerium für Inneres und Sicherheit spricht von einer "historisch großen Einstellungsoffensive". - Die ist auch dringend notwendig, da viele Polizisten in den kommenden Jahren aus dem aktiven Dienst ausscheiden werden.

Polizisten bei einer Schwerpunktkontrolle der Stadt- und Straßenbahnen. Bild: Polizei Karlsruhe

"Aufgrund der anstehenden Pensionierungswelle und eines Aufgabenzuwachses wird die Verstärkung der Polizei in einem in Baden-Württemberg noch nicht dagewesenen Umfang eingeleitet. Die Ausbildungskapazitäten werden dazu maximal ausgeschöpft", erklärt der Sprecher. Durch diese  Einstellungsoffensive sei man an die Grenzen des Machbaren gegangen, ohne jedoch Abstriche bei der Qualität zu machen, betont der Sprecher.

Fast alle Ausbildungsplätze sind belegt

Von den 1.800 Ausbildungsplätzen im Jahr 2018 konnten 68 noch nicht besetzt werden. Dies soll mit einer vor kurzem gestarteten Zusatzoffensive noch bis Jahresende gelingen. Die Opposition in der Landesregierung kritisiert, dass die Nachwuchskampagne deutlich zu spät komme. "Innenminister Strobl hat wieder einmal den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht", erklärt Sascha Binder von der SPD im Hinblick auf die Nachwuchskampagne und die noch offenen Stellen.

Einstellungsberater des Ministeriums werben bei den regionalen Polizeipräsidien, so auch in Karlsruhe, regelmäßig für die Arbeit bei der Polizei. Nach wie vor handle es sich um einen immer noch "sehr beliebten Beruf", betont der Sprecher. Richtig sei aber auch, dass man sich angesichts der guten Situation auf dem Arbeitsmarkt auch in Konkurrenz mit anderen Landespolizeien sowie der Wirtschaft befinde.

1.800 Polizeinachwuchskräfte wurden und werden in diesem Jahr und 2019 in den Polizeidienst in Baden-Württemberg eingestellt werden. Bild: Marijan Murat/Archiv

Gute Nachrichten für alle, die schon immer von einer Karriere in Uniform und Streifenwagen geträumt haben und bisher durch das Bewerberraster gefallen sind? Das Innenministerium betont allerdings, dass trotz der nicht immer einfachen Bewerbersituation bei der Auswahl der Bewerber nach wie vor strenge Regeln gelten.

"Der Polizeiberuf ist nicht wie jeder andere!"

"Bei wohl keinem Beruf müssen Bewerber ihre Tauglichkeit so genau unter Beweis stellen wie potenzielle Polizeibewerber. Der Beruf ist nicht wie jeder andere!", betont der Sprecher des Innenministeriums gegenüber ka-news. Um in die Polizei eingestellt werden zu können, müsse man als Bewerber seine Eignung für den Beruf im Rahmen eines Auswahlverfahrens in verschiedenen Aufgabengebieten nachweisen. "Es ist klare Absicht, angesichts der besonderen Herausforderungen an den Polizeiberuf keine qualitativen Abstriche zu machen", so der Sprecher im Namen des Innenministeriums.

Innenministerium rechnet mit hoher Fluktuation in der Polizei

Im Monat September waren in Baden-Württemberg nach Angaben des Innenministeriums insgesamt 24.301 ausgebildete Polizisten verzeichnet, 2.426 davon arbeiteten beim Polizeipräsidium Karlsruhe. Aktuell rechnet man im Innenministerium in den Jahren 2019 bis 2023 landesweit mit einer Fluktuation von insgesamt etwa 5.500 Beamten. In diese Zahl fließen neben Ruheständen auch vorzeitige Austritte wegen Dienstunfähigkeit sowie Personalverluste durch Entlassung, Kündigung, Versetzung oder Tod.

"Baden-Württemberg ist eines der sichersten Bundesländer in Deutschland – und das wird so bleiben", verspricht das Innenministerium. Dazu soll auch die große Einstellungsoffensive ihren Teil beitragen. Von 2017 bis Ende 2019 könnten so bis zu 5.000 junge Männer und Frauen ihre Ausbildung bei der Polizei beginnen. Seit 2017 werden deutlich mehr Ausbildungsplätze als in den Vorjahren zur Verfügung gestellt.

Damit Großveranstaltungen nicht zum Sicherheitsrisiko werden: Polizisten, wie hier auf dem Karlsruher Weihnachtsmarkt, sollen mit ihrer Präsenz das Sicherheitsgefühl stärken. Bild: Thomas Riedel

Um Polizisten von vollzugsfremden Aufgaben zu entlasten und vermehrt auf die Straße zu bekommen, ist man bereits darum bemüht, diese Stellen mit Angestellten zu besetzten, die nicht im Polizeidienst arbeiten. So wurden vom Innenministerium nach eigenen Angaben mehrere hundert Stellen im Nichtvollzug geschaffen.

Zu vollzugsfremden Aufgaben gehören Arbeiten, die nicht spezifisch von ausgebildeten Polizisten gemacht werden müssen, wie beispielsweise die Pressearbeit innerhalb der Polizei, die Begleitung eines Schwertransports oder Arbeiten bei der elektronischen Datenverarbeitung oder Informationstechnik.

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