Letzte Videothek Karlsruhe
Harald Wetzel ist seit 2014 Inhaber der letzten Karlsruher Videothek.
Bild: Ingo Rothermund
"Aufgeben kommt für mich nicht infrage. Ich bleibe bis zum bitteren Ende": Harald Wetzel betreibt die letzte Videothek in Karlsruhe
Karlsruhe
12.01.2019 07:05
Netflix, Amazon Prime und Co.: Viele Deutsche schauen bequem von zu Hause aus Filme und Serien, leihen sich so die neusten Blockbuster aus. Laut Statistiken hatte alleine Netflix im dritten Quartal 2018 rund 137 Millionen Abonnenten weltweit. Das stellt Videotheken vor ein großes Problem, viele kämpfen ums Überleben. Harald Wetzel wehrt sich dagegen. Er betreibt die letzte Videothek in der Fächerstadt.

Sie ist die letzte ihrer Art in Karlsruhe, fast wirkt sie etwas aus der Zeit gefallen: Die Videothek "Neue Medien" in der Karlstraße. Bei Ladeninhaber Harald Wetzel können rund 8.000 Filme ausgeliehen und gekauft werden. Seit mittlerweile zehn Jahren arbeitet er in der Videothek.

Letzte Videothek Karlsruhe
Die letzte verbliebene Videothek befindet sich in der Karlstraße 80. Bild: Ingo Rothermund

Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. "Filme waren schon immer meine große Leidenschaft", betont der 53-Jährige. Vor gut vier Jahren hat er den Laden von seinem Vorgänger übernommen, weil der in Rente ging. Hilfe oder zusätzliche Aushilfen hat er keine. "Ich arbeite hier alleine. Mehr Personal ist einfach zu teuer", so Wetzel im Gespräch mit ka-news. Darunter haben auch seine Öffnungszeiten in den vergangenen Jahren gelitten. "Früher hatte ich bis Mitternacht geöffnet", erinnert sich Wetzel zurück. Mittlerweile schließt er seine Pforten bereits um 21 Uhr. 

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Harald Wetzel ist seit 2014 Inhaber der letzten Karlsruher Videothek. Bild: Ingo Rothermund

Dabei geht es ihm so gesehen noch gut, denn viele seiner Kollegen in Deutschland und auch in Karlsruhe mussten ihre Läden in den letzten Jahren schon ganz schließen. 2012 gab es bundesweit noch rund 2.200 Videotheken. Mittlerweile sind es laut Schätzungen des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) nur noch etwa 500. 

Illegales Online-Streaming ist das Hauptproblem

"Das größte Problem der Videotheken begann etwa 2002 mit den ganzen illegalen Filmen im Netz", sagt Jörg Weinrich, Geschäftsführer des IVD gegenüber ka-news. "Ohne ein Vorgehen der Politik gegen illegale Inhalte im Netz wird sich das Problem nicht lösen. Die Bundesregierung ist hier aber sehr zurückhaltend."

Das bestätigt auch Harald Wetzel. "Es wird viel gesagt und harte Strafen werden angedroht. Passieren tut in den meisten Fällen dann allerdings gar nichts!"

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Ladeninhaber Harald Wetzel kämpft mit seiner Videothek ums Überleben. Bild: Ingo Rothermund

Laut einer Studie des amerikanischen Beratungsunternehmen Digital TV Research verursachten illegale Filmkopien und illegales Streaming im Jahr 2017 weltweit knapp 32 Milliarden US-Dollar wirtschaftlichen Schaden. Die Studie beziffert einen möglichen Anstieg des Schadens auf rund 50 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2022.  

Der Zuschauer muss nicht mehr aus dem Haus

Doch auch die legalen Angebote, wie Netflix, Amazon Prime oder Maxdome tragen ihren Teil zum Videothekensterben bei. Die Abonnenten brauchen keinen Fuß mehr vor die Tür zu setzen, um sich Filme und Serien auszuleihen.

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In den Regalen befinden sich zahlreiche DVDs. Bild: Ingo Rothermund

Ein weiteres Problem ist laut Wetzel die geringere Vorlaufzeit der neueren Filme. Früher hatte er acht Wochen lang die neuesten Filme, bevor diese in den Läden zum Verkauf angeboten wurden. "Heute kann ich froh sein, wenn es noch zehn Tage sind", sagt der gebürtige Oberschlesier, der seit über 40 Jahren in der Fächerstadt lebt. Deswegen stellt sich Wetzel die Frage: "Wie lange beliefert die Industrie noch Videotheken wie meine?" 

Es müssen nicht immer die neuesten Filme sein

Noch tun sie das. Die rund 150 Kunden, die bei Harald Wetzel wöchentlich vorbeischauen, freuen sich darüber. Seine treue Stammkundschaft interessiert sich nicht unbedingt nur für die neuesten Blockbuster: "Ich habe mich auf Independence und Arthaus spezialisiert. Auch asiatische Filme laufen gut", so Harald Wetzel. Independent Filme und Arthaus sind Produktionen, die außerhalb des amerikanischen Studiosystems entstehen. 

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Rund 8.000 Filme und Serien stehen den Kunden zur Verfügung. Bild: Ingo Rothermund

Der Videothekenbesitzer weiß, dass es zukünftig immer schwieriger werden wird, den Betrieb aufrecht zu halten. "In fünf Jahren könnte mein Laden noch funktionieren. Wie es danach aussieht, ist ungewiss", blickt der Karlsruher in eine doch eher düstere Zukunft. "Aufgeben kommt für mich aber nicht infrage. Ich werde bis zum bitteren Ende bleiben", gibt sich Harald Wetzel kämpferisch. 

Der Artikel wurde nachträglich korrigiert.

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