Bild: Hans-Joachim Of
Jägerhaus, Zigarrenfabrik, "Spukhaus": Um das Schönborner Jagdhaus ranken sich viele Legenden
Waghäusel-Wiesental
05.07.2020 15:00
Vom Jägerhaus über eine Zigarrenfabrik bis zum heutigen Wohnhaus: Das "Schönborner Jagdhaus" direkt an der B36 bei Waghäusel-Wiesental hat in seiner langen Geschichte schon so einiges miterlebt. Um das Gebäude ranken sich zahlreiche - mehr oder weniger wahre - Geschichten: Unter anderem soll das Haus vier unterirdische Fluchtwege besessen haben, die in alle Himmelsrichtungen führten - und: Noch heute bezeichnen es einige Menschen als "Spukhaus".

Das "Spukschloss im Spessart" mögen manche Menschen aus dem Fernsehen kennen. Dass es auch in der Region und im Dreieck Waghäusel-Wiesental/Graben-Neudorf/Philippsburg ein Gebäude gibt, in dem es früher - und manche Menschen behaupten noch heute - gespukt haben soll, ist sicher weniger bekannt.

Doch der Reihe nach: In den Jahren 1719 bis 1743 regiert Fürstbischof Damian Hugo vom Schönborn das Hochstift Speyer. In den ausgedehnten Waldungen der Lußhardt wurde zu allen Zeiten die Jagd ausgeübt. Ursprünglich ein kaiserliches Recht, hatte man dieses durch eine Schenkung im Jahr 1056 auf die Speyerer Fürstbischöfe übertragen.

Die Geschichte des Jagdhauses beginnt im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert waren die herrschaftlichen Wälder im Hochstift Speyer in 15 rechtsrheinische Reviere eingeteilt, davon lagen mit Hambrücken, Forst, Kirrlach, Weiher, Kronau, St. Leon und Ziegelhütte/Molzau sieben in der Lußhardt, wie aus den Unterlagen des Heimatvereins Wiesental hervorgeht.

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Auch in der Nähe des Saalbachs zwischen Graben-Neudorf und Wiesental - heute Stadtteil von Waghäusel - war um 1750 ein Wirtschaftszentrum mit Ziegelhütte, Jägerhaus sowie herrschaftlicher Mühle, genannt Schönbornmühle, und Gasthaus als kleines Ensemble entstanden. Heute steht das denkmalgeschützte Jagdhaus an der vielbefahrenen Bundesstraße 36 gegenüber dem früheren Gasthaus "Rose/Höfle" an der Ampelkreuzung, immer noch im Gewann Ziegelhütte auf der Gemarkung Wiesentals.

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Das zweigeschossige, schön restaurierte Bauwerk mit dem signifikanten Walmdach und dem kolorierten Wappenschild des Speyerer Fürstbischofs Franz Christoph von Hutten, ähnelt anderen "Jagdhäusern" aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, wie sie im Bruhrain und Kraichgau manchmal noch zu finden sind. Ein Schlussstein im Kellergewölbe sowie ein Schild über der Eingangstür trägt die Jahreszahl 1758.

Vier Gänge sollen das Gebäude untertunneln

"Man geht davon aus, dass drei Jahre zuvor mit dem Bau begonnen wurde", sagt Historiker Artur J. Hofmann aus Kirrlach. Bereits zuvor habe es auf der Gemarkung ein herrschaftliches Jägerhaus gegeben.

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Dieses wurde allerdings abgerissen, da es "dermaßen ruinös seye, daß dasselbe täglich den umsturtz bedrohe und man der äußersten Lebensgefahr besonders bey windigem wetter beständig exponiert seye", wie der damalige bischöfliche Hofbaumeister Leonhard Stahl in seinem Gutachten nach der Inspektion der Bausubstanz ausführte.

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Nach mündlicher Überlieferung sollen ehemals vier unterirdische Gänge und Fluchtwege aus und zu dem 1755 errichteten Gebäude geführt haben. Der erste Gang erstreckte sich angeblich bis nach Philippsburg zur ehemaligen Festungsanlage. Der zweite endete im Kellergewölbe des Gasthauses Rose/Höfle, der dritte verlaufe zum gegenüber liegenden Grundstück, auf dem früher ein Wohnhaus stand, und der vierte führe zur Neudorfer Mühle, die 1995 unter mysteriösen Umständen abbrannte.

"Wir haben vom Gerücht gehört, dass in dem Stollen in der Nacht Skelette umhergeistern sollen"

Ein Zeitzeuge will beobachtet haben, dass sich noch im vorigen Jahrhundert manche Menschen bekreuzigten, wenn sie am "Spukhaus" vorbeiliefen oder -fuhren. Im Gebäude gegenüber, der früheren "Rose" - dort, wo sich heute ein Tierheim befindet - soll es immer noch spuken, behaupten einige Menschen in der Region.

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Die heutigen Hausbesitzer William Lee und Susanne Bowers, die ursprünglich in der Rhein-Neckar-Region wohnten und beim Softwarekonzern SAP in Walldorf als IT-Experten arbeiten, haben das Schönborner Jagdhaus vor zehn Jahren von den Vorbesitzern übernommen und Innen- und Außenbereich aufwendig restauriert. "Wir haben zwar noch keine Gespenster wahrgenommen, doch vom Gerücht gehört, dass in dem Stollen, der zur Festung führte, in der Nacht Skelette umhergeistern sollen", erzählt Susanne Bowers im Gespräch mit ka-news.de lachend.

Soldaten sollen in den Tunneln gestorben sein

Im Gewölbekeller gibt es tatsächlich einen zugemauerten, verputzten Durchgang. Nach einer alten Überlieferung hatten sich einst Soldaten, die Philippsburg verteidigten, auf der Flucht vor den hereinbrechenden Feinden in den Stollen gerettet. Der Fluchtweg wurde verraten, die vermeintliche Freiheit endete am anderen Ende des Ganges, wo die Gegner schon auf sie warteten.

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Eingeschlossen im unterirdischen Gefängnis kamen die Söldner auf grausame Weise um. Fakt ist, dass es diese Stollen gab. Als die Bundespost im Jahre 1981 vor dem Haus ein Kabel verlegte, stieß sie auf einen dieser Gänge, die aus gemauerten Backsteinen bestand. Dieser Schacht war, wie man hörte, durch mehrere Türen abgeteilt. So soll sich hinter der letzten Tür ein kostbarer, lilafarbener Bischofsmantel befunden haben.

Von der Zigarrenfabrik zum Altersheim

Leider waren spätere Nachforschungen nicht möglich, da die Arbeiter den freigelegten Stollen schnellstens wieder zuschaufeln mussten. Interessant ist, dass dieses ominöse Jagdhaus eine der ersten Zigarrenfabriken der Gegend beherbergte. Zudem wurde das Gebäude bis Ende des 19. Jahrhunderts auch als sogenannte "Pfründneranstalt" oder auch Mägdeheim - also ein Altersheim - zur Aufnahme von armen, dienstunfähig gewordenen, weibliche Boten genutzt.

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Bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges befanden sich im Haus auch wertvolle, historische Handfeuerwaffen und Degen, die man jedoch aus Angst vor den Besatzungstruppen fortschaffte und die seither verschwunden sind. Um diese, bis heute nicht auffindbaren, Schätze und auch deren mögliche Finder, ranken sich noch immer viele, wilde Gerüchte.

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