Ina Müller stammt ursprünglich vom Dorf
Ina Müller stammt ursprünglich vom Dorf
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Plattentipps für neue Musik zuhause: Ina Müllers "55" und The Notwists "Vertigo Days"
Karlsruhe
01.05.2021 15:00
Ina Müller ist eine tolle Frau, keine Frage, ihr Late Night-Talk "Inas Nacht" einer der besseren TV-Momente. Nun hat die Sängerin mit "55" eine neue Platte releast - man darf gespannt sein! Zu The Notwist: Diese versierte Band zu loben, hieße Eulen nach Athen tragen, ihr ziselierter Electro-Pop ist über alle Zweifel erhaben. Hier sind die aktuellen ka-news.de-Plattentipps!

Ja, 55 ist eine interessante Zahl, benennt sie doch das Lebensalter der Künstlerin Ina Müller, die musikalisch und persönlich immer weiter wächst. Mit "55" erreicht sie nun vorerst ihren künstlerischen Höhepunkt.

Der erste wichtige, auch empathische Moment heißt "Wohnung gucken" und ist ein zerbrechlicher Augenblick, der sich lohnt – höchst melancholisch und thematisch altbekannt, einfach mal abends auf einen Spaziergang raus und durch die Straßen schlendern - alles, was aktuell nicht geht. Schade. Seufz.

Die ruhigen Momente sind die besten auf "55"

"Rauchen" ist eine schonungslose Abrechnung mit sich und dem eigenen Laster, eine kleine Glosse in musikalischer Form mit schöner Mundharmonika und genialem Endseufzer. Zu einer persönlichen Bilanz über die eigenen Schwächen gerät auch "Laufen".

"Fast hält länger als fest" ist epischer Pop mit monumentalem Refrain, ein überzeugender Track, eine Portion Lebenserfahrung inklusive. Kostprobe gefällig: "Es ging fast ein Jahr, wir waren fast ein Paar" - stark, auch lyrisch.

"55" ist das neunte Solo-Studioalbum von Ina Müller
"55" ist das neunte Solo-Studioalbum von Ina Müller Bild: ps

"So hätt ich also sein soll'n" ist eine schöne Piano-Ballade und glättet das Album ein wenig, die Message ist trotz Popmusik eine ausdrucksstarke. Die ruhigen Momente sind sowieso die besten auf "55", siehe auch "Wie Heroin". "Eichhörnchentag" lockert die Platte (auch thematisch) spürbar auf.

"Das erste halbe Mal" hat einfach goldige Botschaft

"Die Zeit fliegt dir davon" Ist ein gelungener Mid-Tempo-Track, gespickt mit gültigen Lebensweisheiten. Das hat sie eh drauf, diese talentierte Ina Müller! Das country-infizierte "Das erste halbe Mal" hat folgend einfach eine goldige Message vom berühmten ersten Mal.

Es gibt kaum schwache Stellen auf "55", überhaupt sind es die ruhigen, verhaltenen Momente, die das Album stark machen. "Wenn der liebe Gott will" ist beispielsweise so eine wunderbare Ballade zum Ende der Scheibe.

"55" also ist überaus gefälliger Rock-Pop mit sensiblen deutschen Texten, ausgeprägter Melodieseligkeit und einer gehörigen Portion Großstadtmelancholie. Die Sängerin erfindet das Rad nicht neu, aber "55" ist eine wirklich schöne Scheibe geworden. Ist gleich hoch gechartet, und hält sich weiterhin hoch in den Ranglisten - es sei der Müllerin von Herzen gegönnt!

The Notwist - "Vertigo Days"

Ja, ich versteige mich tatsächlich dazu: Das Notwist-Album "Neon Golden" aus dem Jahre 2002 ist eine der besten deutschen Platten überhaupt. Punkt. Jetzt kommt nach gefühlten Ewigkeiten was Neues aus Weilheim, "Vertigo Days" heißt die Scheibe, sie ist toll geworden und macht Oberbayern neuerlich zum Epizentrum des Electro-Pop/Indietronic.

Die Jungs machen es ihren Hörern wie immer nicht leicht, ihr Electro-Pop hat viel Seele, kommt aber mit durchaus spröder Attitüde und vertrackten Melodien daher -  trotz ihrer Komplexität eingängige Musik mit Fragilität bis zum Abwinken. The Notwist sind weiterhin perfekte Vertreter ihres Genres.

"Where You Find Me" ist rotzig eingesetzte Elektronik

Ich bin wie gesagt großer Fan ihrer zweiten Scheibe "Neon Golden", da waren mit "Pilot" und vor allem "Pick Up The Phone" echte Indie-Hits drauf. Die finde ich auf "Vertigo Days" nicht direkt. Ob das gut oder schlecht ist, vermag der geneigte Hörer selbst zu beurteilen. Besehen wir uns die neue Scheibe.

"Where You Find Me" ist trotz rotzig eingesetzter Elektronik eine recht eingängige Nummer. Natürlich zeigt die Gruppe des Öfteren ihre sensible Seite ("Into Love / Stars"), klar, eine ihrer großen Stärken – und dekonstruiert ihre Songs auch mal, einfach so, aus Spaß an der Freude.

"Exit Strategy To Myself" ist garniert mit dringlichem The Edge-Gitarrensound, gar nicht so weit von U2 entfernt, ein bisschen noisiger vielleicht. Wie ich überhaupt finde, dass einiges an U2 (etwa zu "Zooropa"-Zeiten) in der Platte ist. Gut, aber auch irgendwie sonderbar und strange.

The Notwist - Deutscher Electro-Pop At Its Best
The Notwist - Deutscher Electro-Pop At Its Best Bild: ps

"Loose Ends" ist ein seelenruhiger Fünf-Minüter, der alles vereint, was das Trio so stark macht: eine subtile, dräuende Melodie, eingebaut in zündelnde Elektronik. Die Klarinette in "Into The Ice Age" ist natürlich überraschend und überragend!

"Sans Soleil" erinnert stark an Phoenix

"Oh Sweet Fire" ist derart verhuscht, dass es einen schüttelt, "Ghost" dann eine Minute mit Bläsern und Streichern. "Sans Soleil" erinnert mich stark an die genialen Franzosen von Phoenix. Ebenbürtige Musik(er), keine Frage!

Immer mal wieder gibt's elektronische Sprengsel ("stars"), ob man die braucht, sei dahin gestellt. Die beiden letzten Tracks ("Al Sur" und "Into Love Again") sind dafür wieder große Klasse und veredeln den Tonträger.

Dass die Weilheimer mit ihrer neuen Scheibe die Top 5 geentert haben, sagt schon alles – die Deutschen sind mittlerweile bereit für derart anspruchsvollen Sound. Gut zu wissen! The Notwist setzen mit "Vertigo Days" also einen sicheren Telemark - um mal im Sportlerjargon zu bleiben - und fügen ihrer Bandhistorie einen weiteren, sensiblen Meilenstein hinzu.

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