ID-Festivalleiter Oliver Langewitz
ID-Festivalleiter Oliver Langewitz
Bild: Tim Carmele
Independent Days-Macher Oliver Langewitz im Interview: "Unser Publikum möchte diesen direkten Austausch vor Ort im Kino haben"
Karlsruhe
12.09.2021 15:30
Endlich, möchte man sagen! Alle freuen sich auf das Karlsruher Filmfestival Independent Days (ID), welches vom 22. bis 26. September wieder in den Räumen der Schauburg zu sehen sein wird. Aber auch das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) wird mit einem Programm-Slot beehrt. Die Ziele und Zukunft der ID? ka-news.de hat darüber mit Macher Oliver Langewitz gesprochen.

Herr Langewitz, auf was freuen Sie sich am meisten bei den ID 2021?

Ich freue mich besonders, dass die Independent Days (ID) in diesem Jahr wieder im Kino stattfinden. Einmal natürlich in unserem Hauptkino, der Schauburg. Aber auch im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) mit zwei Kurzfilmprogrammen, die im Rahmen von Karlsruhe Unesco City Of Media Arts gezeigt werden. Vergangenes Jahr haben wir coronabedingt eine Hybrid-Ausgabe realisiert, wir haben aber festgestellt, dass unser Publikum diesen Austausch vor Ort im Kino haben möchte.

Also künftig kein Hybrid mehr?

So ist momentan der aktuelle Plan, die Entwicklungen sprechen auch nicht dagegen. Wir müssen natürlich einiges beachten, das wussten wir schon bei den letzten ID. Dieses Mal sieht alles ein bisschen lockerer aus, wir werden 3G-Regeln verfolgen, das muss man dann entsprechend kontrollieren, aber es geht ja schließlich auch um die Sicherheit unseres Publikums.

Symbolbild Kino
Symbolbild Kino Bild: pixabay/dbreen

Damit verknüpft der zweite positive Punkt ist, dass wir dieses Jahr wieder mehr Filmemacher vor Ort begrüßen können. Wir haben sehr viele Welt-, Europa- und Deutschland-Premieren zu Gast - toll für die Filmemacher, die dann in den persönlichen Austausch gehen können, und das macht ein Filmfestival schließlich aus.

Werden Sie vom Land oder von der Stadt Karlsruhe finanziell unterstützt?

Die Stadt fördert mit 11.000 Euro, dazu kommen weitere Filmpreise in Höhe von 10.000 Euro und dann natürlich weitere Sponsorings und Förderungen. 

Was sind die Ziele der ID?

Die aktuellen kurzfristigen Ziele sind jetzt ganz klar mit dem Fokus aufs Festival Ende September, dass wir das auch entsprechend gut umsetzen können. Wir haben ja wieder 140 Filme aus 45 Ländern am Start, die wir an den Festivaltagen zeigen werden, das ist wirklich eine ganze Menge.

Mittelfristige Ziele sind, dass wir versuchen möchten, die Partner, die in diesem Jahr aus coronabedingten, finanziellen Schwierigkeiten nicht dabei sein können, wieder mit ins Boot zu holen - das sind glücklicherweise wenige, die gibt es aber durchaus, was uns auch in Finanznöte gebracht hat. Womit wir jetzt umgehen können, ist, dass wir auch kleinere Brötchen backen müssen. Ich denke, trotz alledem werden wir ein schönes Festival haben.

Schauburg
Schauburg Bild: Paul Needham

Die langfristigen Ziele wären, dass das Festival - wenn alles wieder stabilisiert ist - wieder wachsen und gedeihen kann. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr Langfilme ins Programm nehmen, da bräuchten wir auch Parallelprogramm, das bedeutet auch parallele Spielstätten. Das ist momentan noch nicht möglich, aber ein Wunsch.

Auch ein mittelfristiges Ziel ist es, beispielsweise wieder mehr Rahmenprogramm anzubieten zu können. Das haben wir in diesem Jahr verworfen, wir hatten mit unserer Partnerstadt Nancy ein Programm zum Thema Filmmusik-Komposition. Das Exzellenz-Cluster wollen wir hier in der Region zusammen mit der Popakademie aufbauen, das geht momentan mit den Hochschulen nicht so ohne Weiteres, die sind auch nach wie vor sehr eingeschränkt.

Quantitativ oder qualitativ wachsen - oder geht beides Hand in Hand?

Das quantitative Zulegen funktioniert nur, wenn wir unseren qualitativen Standard halten.

Sollen die ID überhaupt wachsen, oder sagen Sie, das ist ein wunderbares, regionales Format?

Man hat natürlich immer die Bestrebung, zu schauen, wo kann man noch eine Schippe drauflegen, das haben wir all die Jahre versucht, und das auch recht erfolgreich. Dann kam Corona und hat alle ein Stück weit ausgebremst und man hat festgestellt, dass viele einfach viel zu viel wollen. Da wird ganz viel "durchgepresst", das sehen wir jetzt gerade im Sommer, wir haben allein in Karlsruhe einige Male das Format "Kultursommer".

Man kann sich da gar nicht mehr entscheiden, da muss auch der Markt da sein, dass man wachsen kann. Und wenn wir wachsen wollen, bedeutet das, dass auch entsprechendes Publikum dafür da sein muss. Die große Herausforderung ist jetzt erstmal zu schauen, wie kann man das junge Publikum, den Nachwuchs, wieder ins Kino bringen, das wurde ja zum Teil durch Netflix und andere Streaming-Plattformen verlernt.

Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM)
Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Bild: ZKM

Es ist ein ganz großer Unterschied, ob man einen Film auf einem kleinen Monitor oder sogar auf dem Smartphone sieht, das hat eine ganz andere Wirkung. Und auch das kollektive Erlebnis geht verloren, jetzt hatten wir die ganze Zeit "Social Distancing", wir Menschen sind aber soziale Wesen, hier spricht der Soziologe. Insofern ist das, was da passiert ist, sehr besorgniserregend. Wir brauchen einfach diese Begegnungsräume, um den Menschen das gemeinsame Kollektiverlebnis Kino zu ermöglichen.

Eine eher rhetorische Frage: Freuen Sie sich, dass es nach Corona wieder los geht?

Uns hat ja der erste Lockdown total erwischt, wir waren die erste große Kulturveranstaltung in Karlsruhe, die wirklich absagen musste. Wir hatten ein paar Maßnahmen, die wir schon in die Wege geleitet haben, Werbung und Co., das hatten wir alles schon ausgegeben, die Kosten sind entstanden. Wir haben im Endeffekt vergangenes Jahr zweimal ein komplettes Festival doppelt finanziert, und aus dieser Perspektive war das für uns ein sehr sehr starker Kampf.

Wir sind extrem unterfinanziert, wenn man vergleicht, was die ID im Vergleich zu anderen Festivals anbieten, die gut und gerne vier oder fünf festangestellte Mitarbeiter haben: Bei uns stemmen das alles Ehrenamtliche, nebenbei, und das auf einem sehr hohen Level.

Da muss man sagen, uns ging es ja schon vor Corona schlecht. Ich schaue mit großer Besorgnis in die nächsten Jahre, weil ich glaube - auch wenn momentan aus dem Rathaus noch nichts zu hören ist - dass uns irgendwann mal der Rotstift angesetzt wird, querbeet, für die gesamte Kulturlandschaft, für alle sozialen Angebote. Das sind die ersten, die dann wirklich darunter leiden.

Was machen die ID aus, speziell der Standort Karlsruhe?

Die Independent Days sind ein sehr sehr wichtiges europäisches Filmfestival. Wir reden hier von einer deutschen Landschaft von 400 Filmfestivals, die ganz unterschiedliche Profile haben, ganz unterschiedliche Größen. Ich glaube, wir spielen da schon auf alle Fälle im oberen Mittelfeld mit, und auch da haben wir die Verantwortung, die entsprechende Qualität zu bieten. 21 Jahre erfolgreiche Festivalarbeit zeigt ja auch, dass wir hier gute Arbeit leisten.

Kino-Impression
Kino-Impression Bild: FugeFoto

Sie waren ja von Anfang an dabei, ein Ideengeber ...

... ich war im Kernteam von Anfang an mit dabei. Ich habe dann irgendwann mal das Zepter von Michael Nagenborg bekommen, dann habe ich dieses "Baby" übernommen. Wir reden hier von der 21. Ausgabe, da kann man jetzt schon von einem Twen sprechen (lacht).

Wir sind in Karlsruhe DAS große Filmfestival, welches dem Standort auch guttut. Wenn man mal schaut, dass Karlsruhe, was die Kinogänger-Zahlen angeht, immer ganz oben mitspielt, auch durch das große Einzugsgebiet bis Richtung Rheinland-Pfalz - da zeigt sich ja auch, dass die Karlsruher und auch drumherum ganz große Cineasten sind, die eben nicht nur Mainstreamfilme wollen, sondern auch den Arthausfilm - und genau das bedienen wir mit den Independent Days!

Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert:
Es ist nicht mehr möglich, Kommentare zu diesem Artikel zu verfassen.
0 Kommentare