Ein Karlsruher Unfallopfer erzählt
Der Jugendliche will öffentlich auf die Gefahren an der Haltestelle aufmerksam machen.
Bild: rah
Ein Karlsruher Unfall-Opfer erzählt: "Ein Meter mehr und ich wäre tot"
Karlsruhe
21.11.2016 07:10
Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres wurden 13 Menschen in Karlsruhe bei Unfällen mit Straßenbahnen schwer verletzt. So wurde vergangene Woche am Kronenplatz eine Person von einer Bahn erfasst und mehrere Meter mitgeschleppt. Ein Jugendlicher, der dieses Szenario am eigenen Leib erfahren hat, warnt: In Karlsruhe passiere das zu häufig.

Es ist eigentlich ein ganz normaler Mittwoch. Ben* (Name von der Redaktion geändert) ist gegen 11 Uhr auf dem Weg zur Bahnhaltestelle. Zwar sind Ferien, dennoch ist er in keiner guten Stimmung. Der Jugendliche hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit seiner Mutter. Jetzt ist er hungrig und auf dem Weg zum nächsten Supermarkt, um sich etwas Essbares zu besorgen.

Ben denkt sich nicht viel dabei, als er seine Kopfhörer auspackt und seine Mütze etwas tiefer ins Gesicht zieht. Er ist regelmäßig mit der Bahn unterwegs, all das ist inzwischen Routine für den heute 17-Jährigen. Als er beim Bahnübergang in der Karlsruher Waldstadt ankommt, ahnt Ben noch nicht, dass dieser Tag für ihn nicht so laufen wird wie jeder andere.

Ben wird in einen Straßenbahnunfall verwickelt

Was genau an der Haltestelle geschah, daran kann sich Ben heute nur noch bruchstückhaft erinnern. Die Polizei wird später zu dem Schluss kommen, dass er am Bahnsteig das Rotlicht nicht beachtet habe. Der Jugendliche wurde dann von einer nahenden Bahn erfasst und weggeschleudert. Ben selbst weiß nur noch, dass er die Bahn nicht bemerkt habe. "Sie hat mich dann seitlich getroffen."

Präsenter sind ihm die Eindrücke nach seinem Unfall. "Schmerzen habe ich unmittelbar nach dem Unfall nicht gespürt", erinnert sich Ben. Ein Passant habe mit ihm gesprochen und ihm immer wieder versichert, dass alles gut werde. Er selbst habe zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich begriffen, was Sekunden zuvor geschehen war. "Ich hatte noch nie einen Unfall", meint Ben im Gespräch mit ka-news, "es fühlte sich unwirklich an. Es erschien mir eher wie ein Traum."

Irgendwann habe er die Szene in Vogelperspektive vor sich gesehen. "Ich sah, wie ich auf dem Boden lag", so Ben. Wie viel Zeit verging, bis Polizei und Rettungsdienst vor Ort waren, kann er nicht einschätzen. "Ich erinnere mich nur noch, dass ich die ganze Zeit mit den Leuten gesprochen habe." Der Bahnfahrer habe mit Bens Handy schließlich seine Mutter informiert.

"Ich konnte meine Eltern weinen hören"

Ben wird nach seinem Unfall mit schweren Verletzungen eingeliefert. In der Kinderklinik stellen die Ärzte eine Platzwunde, Schwellungen im Gesicht, mehrere Frakturen und eine Gehirnerschütterung fest. "Für meine Eltern war die Situation schrecklich", beschreibt Ben die Situation, "ich habe sie weinen hören."

Der Vorfall sollte die Familie noch für Wochen begleiten. Ben musste operiert werden, hatte nach eigener Aussage fast zwei Monate lang Schmerzen. Seinen Mund habe er nur wenige Zentimeter öffnen können, essen sei ihm daher äußerst schwer gefallen. Schlimmer seien aber die Schmerzen in seinem gebrochenen Arm gewesen. "Ich konnte nicht einmal eine Tasse halten", beschreibt er.

Unfallopfer will Jugendliche sensibilisieren

Länger habe es gedauert, bis er sich wieder an eine Haltestelle getraut habe. Heute fährt Ben wieder regelmäßig mit der Bahn. Doch er bewegt sich anders durch den Straßenverkehr. "Wenn ich auf dem Gehweg unterwegs bin, höre ich schon hin und wieder Musik", gibt er zu. Sobald er aber in irgend einer Weise die Straße queren müsse, würde er sie abnehmen.

Auch die Menschen in seiner Umgebung beobachtet Ben seit seinem Unfall genauer. "Es passieren wirklich sehr viele Unfälle in Karlsruhe", meint er. Die meisten seien wie er damals mit Kopfhörern unterwegs. "Ich spreche die Menschen darauf an und erzähle ihnen dann, was mir passiert ist", so der 17-Jährige. Viele würden sich zu Herzen nehmen, was er sagt - andere nicht.

Aus diesem Grund möchte Ben auch mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen. "Mein Ziel ist es, andere Jugendliche dazu aufzurufen, im Straßenverkehr besser aufzupassen." Er selbst habe noch Glück im Unglück gehabt. "Ein oder zwei Meter weiter, und ich wäre vielleicht tot gewesen."

Mehr zum Thema:
Straßenbahnunfälle in Karlsruhe: Unfälle, Umleitungen, Verspätungen - aktuelle Nachrichten zur Verkehrslage im AVG-, VBK- und KVV-Netz in Karlsruhe.
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