Bild: Florian Kaute
Baustelle am Konzerthaus: Ist der Gleiswechsel wirklich notwendig?
Karlsruhe
28.03.2017 07:00
Seit zwei Wochen erneuern die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) die Gleise zwischen der Beiertheimer Allee und der Haltestelle Volkswohnung. Eine unnötige Maßnahme? Ein ka-Reporter ist sich sicher, dass es den Austausch (noch) nicht gebraucht hätte.

Derzeit ruht der Bahnverkehr auf dem Bypass der Kaiserstraße, der Trasse zwischen der Karlstraße und der Rüppurrer Straße. Statt Bahnen sind in diesem Bereich Bagger unterwegs, die das Schienenmaterial aus dem Boden reißen und Platz für neue Gleise machen. Erst am 6. Mai, pünktlich zum "Baden-Württemberg-Tag" im Rahmen der Heimattage in Karlsruhe, sollen hier die Bahnen wieder fahren. ka-Reporter Ullrich Müller hat für die Baustelle allerdings nur Kopfschütteln übrig. 

Hätten die Gleise noch viele Jahre gehalten?

Müller, der nach eigenen Angaben lange Zeit als Bauleiter für ein Ingenieurbüro im Bereich "Gleisbau" tätig war, nennt die Baumaßnahme am Konzerthaus "unverständlich". Er fragt sich: "Warum wird hier Geld für Bauarbeiten ausgegeben, die eigentlich gar nicht nötig sind?" 

Die Gleisanlagen mit Pflaster seien immerhin noch in einem guten Zustand. Das gelte auch für die Gleise im Bereich der Hilfsbrücke. "Diese sind erst im letzten November eingebaut worden", schildert der ka-Repoter. Auch eine Weiche, die in der Baumeisterstraße eingebaut wurde und die Bahnen in die Ettlinger Straße geleitete, würde nun nach nur sieben Monaten Zeit im Betrieb wieder ausgebaut. Aber auch an anderer Stelle seien die Gleise noch ein einem Zustand, der noch mehrere Jahre Betrieb zugelassen hätte, ist sich Müller sicher.

Zu diesem Schluss kommt der ka-Reporter, nachdem er die ausgebauten Gleise vor Ort vermessen hat. So sei die Rillentiefe, in welcher der Spurkranz der Bahn rollt, von ursprünglich 42 Millimetern auf 32 Millimeter durch den Verschleiß geschwächt worden. Bis der Spurkranz (22 Millimeter) am Rillenboden aufläuft, gebe es nach Müllers Berechnungen noch zehn Millimeter "Luft".

Gleisbaustelle in der Billing-Anlage
Bis der Radkranz am Rillenboden des Gleises fährt, dauert es noch einige Jahre, sagt der pensionierte Bauleiter im Gleisbau Ullrich Müller. Bild: Florian Kaute

"Wie meine Nachforschung ergab, wurden die Gleise in der Billing-Anlage Mitte der 1960iger Jahre verlegt. Wenn das also noch die Originalschienen sein sollten, sind die in 50 Jahren zehn Millimeter abgenutzt. Geht man davon aus, dass die Gleise während der 50 Jahre einmal ausgewechselt wurden, dann sind eben in 25 Jahren die Schienen zehn Millimeter abgefahren worden, da noch zehn Millimeter Luft ist und die Spurkränze nicht auf dem Rillenboden laufen, dürften die Schienen noch eine Restlebensdauer von 25 Jahren haben", erklärt Müller im Gespräch mit ka-news.

"Das ist die absolute Grenze"

Hätte man sich diese Maßnahme nicht sparen können und das Geld in andere Schienen-Bauprojekte stecken können? Nein, lautet die Antwort der VBK. Denn anders als der ka-Reporter sehen diese die Baumaßnahme als dringend notwendig an.

"In der Hermann-Billing-Straße fahren wir mit den Straßenbahnrädern fast auf dem Rillenboden auf. Das ist die absolute Grenze und erfordert deshalb aus Instandhaltungsgründen eine Erneuerung", erklärt VBK-Pressesprecher Nicolas Lutterbach im Gespräch mit ka-news. Auch die Weichen im Bereich der Haltestelle Konzerthaus und die Bogengleise bis zur Kreuzung Beiertheimer Allee seien am Ende ihrer Lebenszeit angekommen.


VBK-Baustelle am Konzerthaus


"Echte Schäden haben wir nicht, aber wir sind nahezu an der Verschleißgrenze angelangt", so Lutterbach weiter. "In diesem Fall wird die Strecke für den kommenden Umleitungsbetrieb zum Bau der Kriegsstraße (Anm. d. Redakton: gemeint ist die Kombilösung) fit gemacht."

Bauarbeiten kosten 1,7 Millionen Euro

Im Bereich der Kreuzung Ettlinger Straße müsse man tätig werden und das, obwohl erst im Zuge des Ausbaus der Hilfsbrücke an dieser Stelle neue Schienen verlegt wurden. "Da sich die Höhenlage des Gleises infolge der neuen Straße ändern muss, wird ein komplett neues Gleis mit neuem Unterbau als Betonplatte gebaut. In diesem Streckenabschnitt werden auch die letzten Überreste des bisherigen Gleisvierecks ausgebaut und durch die endgültigen, weitgehend geraden Streckengleise ersetzt", so Lutterbach weiter.

Die noch jungen Schienen an dieser Stelle auszubauen und wieder einzusetzen wäre zwar möglich gewesen - aber teurer als einfach neue Schienen zu verlegen, erklärt der Pressesprecher. Insgesamt bezahlt die VBK 1,35 Millionen Euro für diese Baumaßnahme, weitere 350.000 Euro kommen aus den Kassen der Karlsruher Schieneninfrastruktur-Gesellschaft (Kasig) zu deren Leistungsbereich die Baustelle an der Kreuzung Ettlinger Straße und die Haltestelle Volkswohnungen gehören. 

Für Müller sind die Erklärungen der VBK nur bedingt schlüssig: "Der Gleisumbau kommt zu früh. Erst nach Feststellung des geplanten endgültigen Liniennetzes hätte man gegebenenfalls Hand anlegen können." Eine Antwort der VBK, wie der Stand der Planungen des endgültigen Liniennetzes ist, steht derzeit noch aus.

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