Areal hinterm Hauptbahnhof: Künstler müssen Ateliers räumen
Karlsruhe
29.07.2015 12:08
Über die Zukunft der Künstler hinterm Hauptbahnhof entschied am Dienstagabend der Karlsruher Gemeinderat. Nach langen Diskussion und zahlreichen Änderungsvorschlägen steht nun fest: Die Fortsetzung einer Ateliersnutzung ist auf dem Areal "Hinterm Hauptbahnhof" nicht mehr möglich. Was bedeutet das nun für die dort beheimateten Künstler?

Viel wurde bereits im Vorfeld über Möglichkeiten für das Areal "Hinterm Hauptbahnhof" und die dort ansässigen Künstler diskutiert - so viel, dass vor der Sitzung am Dienstag von CDU, SPD, FDP, den Grünen, der Linken, der KULT-Fraktion sowie der AfDÄnderungen und Ergänzungen vorlagen. Am Ende war so viele Information, dass KULT-Stadtrat Lüppo Cramer darum bat, das Thema zunächst von der Tagesordnung zu nehmen. Sein Antrag wurde abgelehnt; noch vor der Sommerpause sollte über die Zukunft des Areals "Hinter dem Hauptbahnhof" entschieden werden.

"Die derzeitige Nutzung ist nicht mehr verantwortbar"

Zwei Stunden und zwei hitzige Diskussionsrunden später stand dann fest: Die Fortsetzung der derzeitigen Ateliersnutzung auf dem Areal "Hinterm Hauptbahnhof" ist nicht mehr möglich. Zu diesem Schluss kommt eine Mehrheit der Karlsruher Stadträte. Bislang hätten beide Seiten von dem "Agreement" profitiert, betont Oberbürgermeister Frank Mentrup. Diese "gemeinsame Zeit der Win-Win-Situation" sei nun beendet: "Die Ateliersnutzung kann in dieser Form nicht mehr fortgesetzt werden."

Als Hauptgrund für diese Entscheidung nennt das Stadtoberhaupt die "langsam zusammenbrechenden Häuser". Das gesamte Areal und die darauf stehenden Gebäude sind nach Auffassung der Stadtverwaltung in einem sehr schlechten baulichen Zustand, bei einer Sicherheitsüberprüfung hätten Fachleute sicherheitstechnische Mängel festgestellt. "Die Nutzung ist nicht mehr verantwortbar", fasst der Oberbürgermeister zusammen.


Künstlerateliers hinterm Hauptbahnhof


Was bedeutet das nun konkret für die Künstler, die dort ihre Ateliers bezogen haben? Nach Dienstagabend ist das Amt für Hochbau und Gebäudewirtschaft ermächtigt, nach Ausschluss anderer Alternativen die Räumung des Areals im Rahmen der mit den Künstlern abgeschlossenen Räumungsvereinbarungen in die Wege zu leiten. Mit diesem Punkt haben vor allem die Karlsruher Grünen allerdings ein Problem.

"Die Ermächtigung auf Räumung bereitet vielen von uns Bauchschmerzen", erklärt Grünen-Stadträtin Ute Leidig. Die Grünen sehen beide Seiten, Stadt wie Künstler, in der Pflicht. Stadträtin Sabine Zürn (Linke) mahnt, die Sorgen der Künstler ernst zu  nehmen: "Sie sind keine Bittsteller oder 'Schicksale', sondern verkörpern einen wichtigen künstlerischen Bereich."

Werden Gebäude saniert oder vollständig abgerissen?

Gleichzeitig verpflichtet sich die Stadt, in Gesprächen mit den derzeitigen Nutzern stadtweit nach alternativen Räumlichkeiten zu suchen. In einem Antrag hatte die CDU-Fraktion hier das Majolika-Gelände ins Spiel gebracht. Dieser Vorschlag trifft bei der FPD-Fraktion auf Kritik. "Der CDU-Antrag ist nett gemeint, aber wir sollten erstmal das Thema Majolika abarbeiten, bevor da wieder etwas draufpacken", meint Stadtrat Thomas H. Hock. Seine Fraktion glaube nicht an den Weg, den die Stadt mit der aktualisierten Vorlage einschlage. "Wir haben das Gefühl, dass wir auf einer Dampfloch sitzen, die ohne Ende befeuert wird."

Ob eine Rückkehr der Künstler in das Hauptbahnhofsareal überhaupt möglich ist, hängt unter anderem auch davon ab, ob die Gebäude abgerissen oder saniert werden. Hier will die Stadt künftig je nach Erhaltungsstand und unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte entscheiden, ob saniert oder abgerissen wird. Dabei strebt die Verwaltung den Erhalt denkmalgeschützter Gebäude an- und handelt sich Kritik vonseiten der Alternativen für Deutschland (AfD) ein. Stadtrat Paul Schmidt fordert lautstark die sofortige Räumung und den unverzüglichen Abriss aller Gebäude dieses Bereichs, bei denen es möglich ist. Man solle nicht von dem Plan abrücken, das Filetstück für Wohnraum und Unternehmen zu nutzen. 

Kunst, Gastronomie oder doch lieber Gewerbe?

Tatsächlich will die Stadtverwaltung im Rahmen des bestehenden Bebauungsplans eine Konzeption zur schwerpunktmäßigen kulturell-künstlerischen Nutzung des derzeitigen Areals erarbeiten. Der Arbeitstitel: "Kultur- und Kreativpark hinterm Hauptbahnhof". Die SDP, die zuvor an dieser Stelle einen Kulturpark schaffen wollte, begrüßt diese Entscheidung. "Das Label ist ein anderes, der Inhalt ist der Gleiche", meint SPD-Frau Elke Ernemann. Wichtig sei, dass eine Rückkehr der Künstler in die sanierten Gebäude möglich ist. 

Für einen Erhalt sprechen sich auch die GfK und die Freien Wähler aus: "Es muss doch unser Ziel als Stadt sein, eine solche Künstler-Kolonie zum Großteil zu erhalten", meint Stadtrat Jürgen Wenzel. Die Stadt will eine künftige Nutzungskonzeption mit dem Gemeinderat abstimmen und auf dieser Grundlage dann Entscheidungen treffen. Hier werde, kritisiert CDU-Stadtrat Tilmann Pfannkuch, das "Pferd von hinten aufgezäumt". Immerhin suche man einen Investor, der das Gesamtareal übernehme. "Wenn wir einen Investor haben, können wir über das Konzept reden."

ka-news Hintergrund:

Seit 1993 befinden sich die Ateliers auf dem Gelände hinter dem Hauptbahnhof. Der Umzug der Kreativschaffenden auf das alte Bahnhofsgelände vor 22 Jahren war ursprünglich eine Übergangslösung. Sie hatten ihre Ateliers auf dem Gelände des heutigen ZKM, welche sie für die Entstehung des Zentrum für Kunst- und Medientechnologie aufgeben mussten. Nun sollen sie wieder umziehen - das steht bereits seit September 2002 fest. Damals kündigte ihnen die Stadt Karlsruhe das Mietverhältnis.

Seitdem herrscht eine "schwebende Räumungsvereinbarung", das heißt die Künstler dürfen so lange bleiben, bis entweder ein Grundstückskäufer vorliegt oder der Gemeinderat beziehungsweise Hauptausschuss die Räumung beschließt. So geschehen am 24. Mai diesen Jahres. Grund sind Neubau-Pläne rund um das Bahnhofareal. Im Mai machten sich die Fraktionen ein Bild vor Ort.

 

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